Zartes aus der Riesenkamera

Zartes aus der Riesenkamera

Der Regisseur und Künstler Julian Schnabel zeigt große Polaroids im NRW-Forum.

Düsseldorf. Julian Schnabel (59) ist ein begnadetes Multitalent, dem der Erfolg seit 30 Jahren treu ist. Er startete als Koch, machte mit auf Leinwand geklebten Geschirrteilen Furore, schrieb Drehbücher, erhielt für den Film "Schmetterling und Taucherglocke" 2007 den Regiepreis in Cannes, zwei Golden Globes und eine Oscar-Nominierung. Als Designer baute er den spektakulären Palazzo Chupi in New York. Fast beiläufig bespielte er mit seinen Werken Museen wie die Tate Gallery, das Centre Pompidou und das Reina Sofia. Nun präsentiert er im NRW-Forum rund 100 stille Polaroids im ungewöhnlichen Format von 50 mal 60 Zentimetern.

Polaroids, die Produkte einer Sofortbildkamera, sind normalerweise Minis. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie handtellergroß und ähnelten alten, bräunlich verschossenen Fotos. Auf solch ein Material ließ sich Julian Schnabel nicht ein. Er benutzt eine handgefertigte Monsterkamera aus den 70er Jahren, eines von nur sechs Exemplaren weltweit, das in unserer digitalen Zeit vorsintflutlich wirkt. Es ist groß wie ein Kühlschrank und nur von mehreren Menschen auf Rollen zu bewegen. Die Farbpalette ist minimal, einige Töne in Schwarz-Weiß, in Sepiabraun oder seltener in wenigen Farben.

Doch Schnabel hat nicht nur Mut, sondern ein faszinierendes Gespür für Licht. Die Fotos scheinen sich in eine kaum fassbare Helligkeit, in weiche Übergänge, Zwischentöne und Schattierungen aufzulösen. Entwicklungsschlieren an den Rändern oder Negativstreifen verleihen den Bildern eine individuelle Aura.

Der Künstler war zufällig auf die Riesenkamera gestoßen und fotografiert mit diesem Gerät seit 2002. Die Ergebnisse wirken sehr privat. Er nimmt Freunde wie Mickey Rourke, Schauspieler wie Dennis Hopper oder Sänger wie Placido Domingo auf, der fast verloren in voller Montur im Studio steht. Seine Ehefrau Olatz ist ebenso vom Licht gezeichnet wie seine Söhne Olmo und Cy am Strand in der Sonne. Auf Selbstporträts präsentiert sich Schnabel als Rebell und Freigeist. Er spricht von "Mitschnitten des Lebens", weiß aber auch, dass Polaroids sich wellen und verblassen.

Am faszinierendsten ist eine Serie mit Fotos geistig verwirrter Menschen ("Crazy People"), Fundstücke vom Trödelmarkt. Ein anonymer Fotograf hat sie im 19. Jahrhundert aufgenommen, und Schnabel fotografierte sie im Großformat ab. In Sepiabraun scheinen die Entrückten, Kranken, Alten wie in einen tiefen Traum verfallen, der die Zeiten überdauert.

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