Viel Beifall für „Carmen Disruption“ in Hamburg

Viel Beifall für „Carmen Disruption“ in Hamburg

Hamburg (dpa) - Durch die Seitentüren im Parkett eilen Menschen auf die Bühne und verschwinden hinter den drei Flügeltüren der dort aufgebauten Opernhaus-Kulisse. Die ähnelt zwar der Front des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, wo das Ganze stattfindet, markiert aber einen völlig anonymen Ort.

Hinter der Fassade hört man eine Sängerin proben. Doch mehr und mehr verliert sie sich im Versuch, sich zu erinnern, ob sie schon einmal hier war, in ihren Gedanken. Die speichert sie auf ihrem Smartphone. Da erscheinen vier ihr fremde Alltagsmenschen - Carmen, Don José, Micaela und Escamillo. So beginnt das Stück „Carmen Disruption“ des britischen Erfolgsdramatikers Simon Stephens (43, „Pornographie“) in der Inszenierung seines Weggefährten Sebastian Nübling.

Bei der Uraufführung am Samstagabend spendete das Publikum vier starken Darstellern sowie der renommierten israelischen Mezzosopranistin Rinat Shaham viel Beifall. Nübling und der ebenfalls anwesende Stephens hatten kräftige Buhrufe einzustecken. Ihr zweistündiger Abend über Einsamkeit in Zeiten der Globalisierung folgt in der Struktur Bizets Oper „Carmen“ aus dem Jahr 1875, weist den Figuren jedoch völlig andere Charaktere und Schicksale zu. So ist die Titelfigur ein eitler Jüngling (Christoph Luser), der seinen Körper verkauft. Don José (Julia Wieninger) eine Taxifahrerin, die ihren Sohn sucht. Micaela (Anne Schön) eine Studentin, die von ihrem Liebhaber - ihrem Professor - aufgegeben wurde. Und Escamillo (Samuel Weiss) ein Geschäftsmann, der sich über Gewinn definiert.

Dazu gibt es einen Chor aus 40 Hamburgerinnen und Hamburgern, die allerdings mehr physisch als akustisch in Aktion treten. Shaham singt im modernisierten Flamenco-Kleid Bizets weltberühmte Liebesarien. Sonst sagt sie: „In den letzten sechs Monaten habe ich in drei verschiedenen Städten gelebt. Ich war in genau fünf Nächten zuhause. In dreien davon war ich allein.“

Die vier verkrampft choreographierten Einzelpersonen lassen in bruchstückhaften Monologen, die sie frontal ins Publikum sprechen, Einblicke in ihr wenig bodenständiges Dasein zu. Es sind Menschen, die sich selbst nicht kennen und nirgends zu Hause sind. Ökonomie und Berechnung diktieren ihre Lebensweisen.

Aber immerhin: Noch existiert Sehnsucht in diesen Menschen. Ihre Suche nach Erinnerung, nach einem Selbst, nach Liebe und Glück ist noch nicht völlig zerstört durch die Zwänge der Weltwirtschaft, der ewigen Flexibilität und Mobilität sowie des Internets, mit dem sie alle ständig in Kontakt stehen.

Hier signalisiert Stephens denn auch so etwas wie einen Hoffnungsschimmer in seinem eher plakativen Werk, das die Isolation mehr behauptet als spürbar macht. Es sind die allerelementarsten menschlichen und familiären Beziehungen, an die seine Figuren unverbrüchlich wieder anknüpfen wollen. Der Abend (deutsche Übersetzung: Barbara Christ) bildet die sechste Zusammenarbeit von Stephens und Regiestar Nübling.

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