„Tannhäuser“-Inszenierung: Der Eklat zieht weite Kreise

„Tannhäuser“-Inszenierung: Der Eklat zieht weite Kreise

Die Absetzung der „Tannhäuser“-Inszenierung an der Rheinoper sorgt für ein geteiltes Echo — bei Besuchern und Medien.

Düsseldorf. Der Sängerkrieg auf der Wartburg ist zu einem weltweiten medialen Sturm angeschwollen: Die Tageszeitungen „Los Angeles Times“ und „New York Times“ beschäftigen sich ebenso wie die Internetzeitung „Huffington Post“ und das britische Funk-Imperium BBC mit der Düsseldorfer „Tannhäuser“-Inszenierung von Burkhard C. Kosminski und ihrer Absetzung nach der Premiere.

Seit Donnerstag wird das Stück, das zahlreiche Nazi-Anspielungen enthält, auf Beschluss von Operndirektor Christoph Meyer nur noch konzertant aufgeführt, vor allem weil sich zwölf Opernbesucher nach der Premiere in der Notaufnahme behandeln ließen.

Die Kommentatoren sind sich über die Ländergrenzen hinweg uneinig. Die Kritik des „Guardian“ aus London richtet sich gegen die Aufführung: Die Verlegung des Mittelalter-Settings in das Deutschland der 1940er Jahre sei „zumindest misstönend“. Die Zeitung befragt zudem einen Historiker der Uni Oxford zum „Wagner-Delirium“. James Kennaway zufolge brauchten Opernbesucher früher oft medizinische Hilfe, Sänger wie Dirigenten fielen reihenweise um.

Die „Stuttgarter Zeitung“ begrüßt die Absetzung wegen mangelnder Qualität: „Man muss die Inszenierung nicht kennen, um von ihrer erschütternden Gedankenarmut überzeugt zu sein.“

Dass der erste große Eklat im Wagner-Jahr „ausgerechnet im beschaulichen Düsseldorf produziert wird“, überrascht den Berliner „Tagesspiegel“, der die Inszenierung — ohne sie gesehen zu haben — harsch kritisiert: „Anscheinend haben die Beteiligten alles falsch gemacht.“

Die Entscheidung der Opernleitung steht ebenfalls im Fokus der „Welt“: „Das Theater hätte früher reagieren müssen oder sollte den Volkszorn aushalten, denn wenn man eine so kontroverse Interpretation freigibt, dann muss man hinter ihr stehen. Alles andere ist feige.“

Auch die „Wiener Zeitung“ moniert: „Die Methode, nach dem Motto, je weniger Einfälle, desto mehr Hakenkreuze einer ideenlosen Inszenierung wenigstens den Hautgout des Skandals zu verleihen, hat freilich wieder funktioniert.“

Den Regisseur verteidigt hingegen die „Neue Zürcher Zeitung“. Sie nennt die Absetzung einen „verständlichen, wenn auch beispiellosen Eingriff in die künstlerische Freiheit, vergleichbar nur mit der Absetzung von Mozarts Idomeneo 2006 in Berlin aus Sorge über mögliche islamistische Anfeindungen.“

Differenziert äußert sich Hans-Michael Strahl, Vorsitzender des Freundeskreises Schauspielhaus in Düsseldorf. Er persönlich fand die Aufführung „traumhaft“, die Idee dahinter „grandios“. Eine solche Zensur durch Absetzung könne eigentlich nicht sein. „Aber es ist ein Totschlag-Argument, wenn Körperverletzung im Raum steht, wenn der Intendant befürchten muss, verklagt zu werden. Dann kann er nicht anders.“

Opernbesucher Jochen Dünges (66) aus Düsseldorf fühlte sich vor der Aufführung am Donnerstag bevormundet. „Ich gehe 30 Mal im Jahr in die Oper und habe dabei schon viel Mist erlebt. Das hätte ich ausgehalten. Und diese Wahl hätte man auch den Zuschauern lassen sollen.“ Seine Frau sei aus Enttäuschung schon zu Hause geblieben.

Diese Möglichkeit haben Ben Bowlin (63) und Hans Hovland (65) nicht. Die Wagner-Fans sind für diesen „Tannhäuser“ extra aus der norwegischen Hafenstadt Stavanger angereist. „Für die Tour haben wir pro Person knapp 1000 Euro bezahlt“, sagt Bowlin. Das sei dann doch etwas teuer dafür, dass sie erst 20 Minuten vor Beginn von der Programmänderung erfahren hätten.

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