1. Kultur
  2. Bühne

"Sister Act": In Oberhausen sind die Nonnen los

"Sister Act": In Oberhausen sind die Nonnen los

Die Premiere des Musicals "Sister Act" kam bestens an.

Oberhausen. Die Gebete der Musical-Macher wurden offensichtlich erhört: „Sister Act“ feierte in Oberhausen eine wahrhaft glänzende Premiere — und das nicht nur dem Pailetten-Faktor der Nonnenkleider nach zu urteilen, die immer ausgefallener, frecher und bunter wurden, je schwungvoller die musikalische Bekehrung im Kloster vonstatten ging.

Schnell gibt es im Metronom Theater den ersten Szenenapplaus — am Ende hält die Premierengäste nichts mehr auf den samtroten Sesseln. Einen solchen „Gottesdienst“ erlebt man ja auch nicht jeden Tag: Witzig, mitreißend und bestens besetzt die Show, die im Ruhrgebiet für beste Laune sorgt — auf hohem künstlerischen Niveau.

Der Musical-Riese Stage Entertainment setzt auf ein himmlisches Thema: Seit Dienstagabend sind am Centro die Nonnen los. Am Ende machen die Ordensschwestern, was in keiner Gottesdienstordnung stehen dürfte: Sie rappen vor dem Papst, wagen den synchronen Hüftschwung und toben durch die heiligen Gemäuer, als seien sexy lilafarbene Stiefel unter der schwarzen Kutte kein Problem für den Vatikan.

Das Publikum ist begeistert — und das liegt vor allem an der grandiosen Hauptdarstellerin, die aus dem Spektakel über weite Teile eine One-Women-Show macht: Zodwa Selele versprüht so viel Temperament, dass es für einen ganzen Orden reichen könnte. Sie gibt die charmant-obszöne Rampensau, die nichts lieber hätte als ein Glitzerkleid, ein saftiges Steak und eine große Gesangskarriere, genauso überzeugend wie die Verfolgte im Nonnengewand, die tief im Innern Liebe und Geborgenheit sucht, schließlich den Wert von aufrichtiger Freundschaft erkennt und weltliche Gelüste selbstkritisch auf den Prüfstand stellt.

Liebenswert-launig ist die Hauptfigur in jedem Fall: Als Deloris van Cartier (Zodwa Selele) zufällig mit ansieht, wie ihr verheirateter Geliebter einen Mord begeht, wird aus der Nachtclub-Sängerin eine Nonne. Denn die aufgedrehte Schönheit mit der großen Klappe ist auf der Flucht: Die Polizei steckt sie ins Kloster — da hilft der Mutter Oberin (Gudrun Schade), die entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, auch kein kurzer Draht zum lieben Gott. Sie muss den selbstverliebten Neuzugang aufnehmen.

Schnell ist Schluss mit den frommen Bibelsprüchen: Deloris mischt das Kloster auf, mault aufmüpfig über das karge Essensangebot, nutzt das ungewollte neue Zuhause aber auch clever als Bühne („Steht auf, wenn Ihr Katholiken seid“). Denn „Sister Act“ wäre keine absurd-amüsante Geschichte, wenn der ursprünglich teuflisch schlechte Nonnenchor nicht hörbar aufblühte: Das fröhliche Nonnen-Dutzend lässt sich von der Lebensfreude der Sängerin anstecken, schmettert das Wort Gottes stimmgewaltig in den Bühnen-Himmel und pfeift auch sonst auf alle Regen des Klosterlebens.

Fingerschnipsen und Hüftschwung statt Beichte und Fastentag: Wen diese Mischung kalt lässt und wer das Metronom Theater nach unzähligen Mitwipp-Liedern mit schlechter Laune verlässt, muss entweder nicht an die Kraft positiver Schwingungen glauben oder ist für Soul-Musik absolut unempfänglich.

„Wo ist die Raucherecke?“, fragt Deloris. „Bei uns raucht’s nur bei der Papstwahl“, ist die passende Antwort. Ironie lässt grüßen — meist geht sie auf. An einigen Stellen ist der Wortwitz allerdings etwas platt geraten — gerade dann, wenn es um die Namen der Figuren geht, die von „Schwitzefritze“ bis zu den Nonnen-Köchinnen Mary Lafer und Mary Lichter reichen.

Eine echte Offenbarung ist auch die Musik von Alan Menken nicht: Keiner der Songs hat so viel Hitpotenzial, dass er sich als Ohrwurm eignen könnte. Es gibt kein herausragendes Lied — dafür aber viele Szenenwechsel und eine beeindruckende Kulisse (Bühnenbild: Klara Zieglerova, Kostümdesign: Lez Brotherston).

Mitreißend ist das Ganze vor allem im zweiten Teil — auch wenn sich manche Erklärung, manche Stimmung und so mancher Gute-Laune-Angriff wiederholt und der dreistündige Szenenreigen (Regie: Carline Brouwer) durchaus Längen hat. Doch die Besetzung ist so gut, dass sie einzelne Minuspunkte wieder wettmacht: Das Ensemble swingt, groovt und hat selbst sichtlich Spaß.

Dabei bringt Mathieu Boldron (Eddie Fritzinger), der das Herz von Deloris aufrichtig erobert, das nötige männliche Gefühl in die Geschichte ein — mit einem charmanten französischen Akzent. Auch sonst sind Männer den Nonnen nicht per se unterlegen: Dass man auch Nebenrollen mit vielen Facetten versehen kann, beweisen Benjamin Eberling (Joey), Fehmi Göklü (TJ) und Terry Alfaro (Pablo), die als Gauner-Trio nicht zu übertreffen sind.

Am Ende bietet das Musical mehr Konzert als Drama. Doch die Rechnung geht auf: Nonnen und Messdiener tanzen zum Disco-Sound, das Publikum klatscht mit, der Abend ist eine große Party - auch wenn der Zuschauerwunsch unerhört bleibt und es keine Zugabe gibt.