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Raus auf die Straße: „Theater des Jahres“ startet in die Saison

Raus auf die Straße: „Theater des Jahres“ startet in die Saison

Berlin (dpa) - Wut, Schmerz, Stolz und Verzweiflung treiben sie an. Die 10 Männer in „Fallen“ kämpfen bis zur Erschöpfung: Gegen 70 Tonnen Sand, die in der Openair-Arena vor dem Berliner Maxim Gorki Theater aufgeschüttet wurden.

Gegen einander. Und vor allem gegen sich selbst.

Zum Spielzeitauftakt am gerade zum „Theater des Jahres“ gekürten Gorki nehmen Sebastian Nübling und Ives Thuwis die Zuschauer mit auf die Straße - dorthin, wo kaum ein Tag ohne Schlägereien, Überfälle und Messerstechereien vergeht. Bei der Premiere der getanzten Gewaltstudie am Freitagabend gab es vom Publikum viel Applaus.

Eine Gruppe junger Männer schlägt auf einen am Boden Liegenden ein. So beginnt das Stück, das nach den Gründen für Gewalt im öffentlichen Raum fragt. Kein Text, keine Geschichte, keine Musik - nur ein Klangteppich aus Lautsprechern, der sich mit einzelnen, vom nahen Boulevard Unter den Linden herangewehten Stadtgeräuschen mischt.

Das Keuchen und Stöhnen der Schauspieler ist zu hören, die nach der Auftakt-Schlägerei etwa zehn Minuten lang einfach auf und ab joggen. Bis sie das Tempo beschleunigen und sich die Gruppe schließlich rasend schnell in Einzel-Charaktere, in Einzel-Kämpfer, aufteilt. Brutale Rempler und Angriffe wechseln sich in der Choreographie der Körper ab mit Sand-Boxen, Selbst-Bewunderung und fortwährendem Fallen und Wiederaufstehen.

Wohin soll all die aufgestaute Kraft der Stadtmenschen, die ihren Körper nicht bei der Arbeit oder beim Sport verausgaben? Wie viel Körperkult tut gut und warum sind es fast nur Männer, die durch Gewalt auffallen, fragen die Theatermacher.

Um den Körper geht es auch in der zweiten Eröffnungsinszenierung des Gorki Theaters. Die Uraufführung des Stücks „Erotic Crisis“ steht auf dem Programm. Darin erforschen die israelische Regisseurin Yael Ronen und ihr Ensemble das Sex-Leben der Berliner. Ronen und die Schauspieler recherchierten dafür unter anderem in Tantraworkshops, bei Selbsthilfegruppen und im Berliner Nachtleben.

Das Maxim Gorki Theater wurde bei der jährlichen Umfrage unter deutschsprachigen Theaterkritikern gerade zur besten deutschsprachigen Bühne gewählt - ein Riesen-Erfolg für die neuen künstlerischen Leiter Shermin Langhoff und Jens Hillje gleich in ihrer ersten Spielzeit.