Premiere: Geschundene Körper, gequälte Menschen

Premiere: Geschundene Körper, gequälte Menschen

Tina Lanik setzt im Düsseldorfer Central Tom Waits’ „Woyzeck“-Musical in den Sand.

Düsseldorf. Woyzeck aus der Kiste. Der Spot steht auf dem Gesicht eines schwarz gekleideten Mannes mit Koffer. Da donnert haarscharf hinter ihm eine bühnenbreite Lade herunter. Sie öffnet einen Kasten, in dem das Personal des Stücks und die Band hocken (Bühne: Ricarda Beilharz).

Theater als Slapstick? Das Stück als Kopfgeburt oder Erinnerung? Reflektion des Theatervorgangs mit auf der Szene präsenten Darstellern? So macht man am Beginn eines Abends Versprechungen. Um Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ geht es hier aber nicht, sondern um dessen musikalische Adaption durch den Rockmusiker Tom Waits und seine Mitstreiterin Kathleen Brennan. Sie haben aus dem dramatischen Klagegesang über den gesellschaftlich geschundenen Ärmsten der Armen ein moritatenhaftes Musical gemacht.

Auf der großen Bühne des Central allerdings buchstabiert Regisseurin Tina Lanik das erstaunlich einfallslos herunter.

Woyzeck rasiert den zackigen Hauptmann (Götz Schulte), der sich den Rasierschaum immer wieder auf die Glatze schmiert. Der Arzt (Pierre Siegenthaler) lässt den Titelhelden nackt zur Urinprobe antreten: Dopingkontrolle. Bedrohlich ist es nicht, was Woyzeck tun muss, um Marie und seinen Sohn (John Reeg) zu unterhalten.

Tina Lanik versucht das Drama über die Körper zu erzählen. Da tanzt der Arzt nosferatuhaft, es gibt Sex im Stroboskop-Licht, der Mord an Marie ist sehr blutig. Doch das sorgt weder für Unmittelbarkeit, noch hat es das Reißerische der Moritat. Die Bilder bleiben durchweg konventionell, ebenso wie Esther Geremus’ Kostüme mit Drillichanzug, blauer Uniformjacke oder rotem Kleid.

Schlimmer noch. Dieser „Woyzeck“ berührt nicht. Daniel Graf gelingt es nicht, die Hauptfigur zwischen Getriebensein, Sehnsucht, Unterwerfung und Eifersucht glaubhaft zu machen. Und von den konzeptionellen Versprechen des Beginns wird nichts eingelöst.

Zwei Dinge jedoch überzeugen. Die gut gesungenen Songs, die von der sechsköpfigen Band um Achim Fink mit der bekannt melancholischen Waits-Mischung zwischen Marching Band, Hendrix und Tango begleitet werden. Dann die Marie der Anna Kubin. Wie sie den Tambourmajor (Patrick Heyn für den erkrankten Thiemo Schwarz) anschmachtet, mit Liza Minelli-Verve ihren Song singt, sich wütend zügelt, um sich dann mit einem „Ach, Welt“ dem Mann an den Hals zu werfen — das erzählt bewegend vom Ringen zwischen Selbstachtung, Verlangen und Zwängen. Eigentlich müsste der Abend „Marie“ heißen. Retten würde ihn das aber auch nicht.

Mehr von Westdeutsche Zeitung