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Pavel Kohout: Exilant mit roter Geschichte

Pavel Kohout: Exilant mit roter Geschichte

Einst galt der tschechische Autor Pavel Kohout als Jubelschreiber Stalins — nach dem Prager Frühling wurde er aus dem Land gejagt.

Prag. Pavel Kohout begann als Stalin-Verehrer und wurde später einer der führenden Köpfe des Prager Frühlings, gefeierter Bühnen-Autor und politischer Exilant. Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre der Schriftsteller kurz vor seinem 85. Geburtstag am Samstag Kulturminister in Tschechien geworden. Paparazzi fotografierten Kohout vor dem Regierungssitz in Prag. Gerüchte machten die Runde, doch am Ende übernahm ein anderer das Amt.

Ruhestand kennt Kohout nicht. „In den letzten zwei Jahren war wieder Theater angesagt“, resümiert er. Am Prager Theater feierte im April seine neue Musikrevue über den legendären Sänger Karel Hasler Uraufführung. Der tschechische Patriot Hasler starb 1941 im KZ Mauthausen.

Auch Kohouts Leben hat alle Dramatik eines Theaterstücks. Als er im deutsch besetzten Prag 13 Jahre alt war, habe sein Vater die Attentäter auf SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich mit Lebensmitteln versorgt. „Damals ahnte ich nichts, heute halte ich das Attentat für die tollste Leistung des europäischen Widerstands“, erinnert sich Kohout an die Zeit im Protektorat.

Nach dem Krieg trat der Jungjournalist der kommunistischen Partei bei und wurde zu einem gefeierten Jubelschreiber schematischer sozialistischer Gedichte. In Tschechien haben sehr viele ihm das bis heute nicht verziehen. Die bildhübsche Schauspielerin Alena Vranova aus dem Märchenfilm „Die stolze Prinzessin“ heiratete Kohout auf eigenen Wunsch am Geburtstag Stalins. Es war das Traumpaar des Sozialismus — doch die Ehe zerbrach.

Die heutige Occupy-Bewegung kommt Kohout ähnlich naiv vor, wie er es selbst einmal war. Wofür er sich nach dem Krieg begeisterte, habe sich als plumper Vorwand für Machtbegierde erwiesen. Doch zugleich meint Kohout: „Der Sozialismus war und bleibt eine rettende Idee, die den wilden Kapitalismus gezähmt hat.“ In den 1960er Jahren wurde Kohout zu einem der führenden Köpfe des Prager Frühlings, eines Versuchs, den Sozialismus von innen heraus zu reformieren.

Die kurze Zeit relativer Freiheit endete mit dem Aufmarsch von Panzern der sozialistischen „Bruderstaaten“. Kohout wandelte sich zum Dissidenten, Vertrauten des Dramatikers Vaclav Havel und Erstunterzeichner der Charta 77, die mehr Bürgerrechte einforderte. Sein Vaterland rächte sich mit der Ausbürgerung.

Im Westen kamen seine Stücke bis zur Wende auf 450 Erstaufführungen und rund 11 000 Vorstellungen. Das macht Kohout zum erfolgreichsten Theaterautoren seines Landes. Sein Werdegang stehe beispielhaft für eine ganze Generation tschechischer Intellektueller, meint der Theaterkritiker Ondrej Cerny. In Kohouts reichem Werk spiegele sich die eigene Entwicklung vom stalinistischen Schnelldichter über den Reformkommunisten bis hin zum Initiator des Theaterfestivals deutscher Sprache. Zum tragischen Auf und Ab in seinen Erinnerungsromanen sagt Kohout: „In der Geschichte hat es noch kein Jahrhundert ohne Schrecken gegeben, und ich fürchte, es wird auch weiter so bleiben.“