Interview: Wir haben alle ein Geheimnis

Interview: Wir haben alle ein Geheimnis

Schauspieler Wotan Wilke Möhring mag extreme Rollen. Nun spielt er einen schuldbewussten Pädophilen.

Köln. Er spielt häufig den harten Einzelgänger, der von Ängsten und Obsessionen geplagt wird. Doch so extrem er sich in seinen Rollen gibt, so herzlich und entspannt ist Wotan Wilke Möhring in der Realität: Der 43-Jährige lässt für das Interview sein Mittagessen kalt werden, trinkt grünen Tee.

In dem Kinofilm "Das letzte Schweigen" spielt er seine bisher wohl schwierigste Rolle: In dem Kriminalfall um zwei getötete Mädchen ist er als pädophiler Mittäter zu sehen, der von seiner Schuld gepeinigt wird - und liefert eine grandiose Leistung ab.

Möhring: Die Punks maulten immer nur über den Bund. Ich muss so etwas aber immer aus erster Hand sehen. Also bin ich hin. Und fand’s echt gut! Und wenn ich etwas mache, dann volle Lotte - also bin ich zu den Fallschirmjägern! Danach bin ich zwei Jahre durch Amerika gereist und war lange in New York. Ob diese spezielle Insel Manhattan, die Weite Kaliforniens oder das tobende New Orleans - mich hat überall die Freiheit der USA fasziniert.

Möhring: Ich war mit so viel Euphorie ins Studium gegangen und sehnte mich nach Input - aber dann wurde es schnell langweilig. Also habe ich nebenbei einen Club aufgemacht. Das war 1990, genau die Zeit, wo Berlin einfach nur toll war.

Und dann kam der Studentenfilm "Acht Grad Celsius": Da bin ich das erste Mal durch die Studiotür gegangen - und war jemand anders. Da dachte ich: "Das könnte es sein." Ich habe diesen Weg nie als Zick-Zack empfunden. Letztlich waren die vielen unterschiedlichen Lebensformen meine Schauspielschule. Ich war ja leider zu alt, um aufgenommen zu werden.

Möhring: Ich versuche, alle meine Figuren zu verstehen oder sogar zu mögen - selbst Psychopathen. So eine Figur kriegst du nicht oft angeboten: Jemanden mit einer solchen innere Zerrissenheit, ein Mensch, der allein für sich eine Insel ist und bleibt. Er hat es verpasst, sein Schweigen zu durchbrechen. Ich spreche ja kaum in dem Film, ich beobachte.

Möhring: Als Privatperson verurteile ich das aufs Schärfste! Aber dass ich als Schauspieler ständig neue Facetten des Lebens kennenlerne, ist das Befriedigende an meinem Beruf. Ich "darf" Dinge tun, für die man ins Gefängnis kommt. Meine Schnittstelle, um mich anzunähern, war: Wie ist es, ein Geheimnis zu haben?

Das haben wir alle, es muss nicht mal ein dunkles sein. Was mir extrem schwer fiel, war eine Szene, in der er einen Porno guckt. Wie willst du das zeigen, dass es ihm einerseits gefällt, er sich andererseits schämt und diese Neigung an sich sogar hasst?

Möhring: Natürlich. In einer Szene fahren Ulrich Thomsen und ich nachts im Wald einem Mädchen nach. In der Situation hatten wir beide das Gefühl: "Das ist echt krass, was wir hier machen!" Denn dieses Gefühl, was der Mensch haben muss, wenn er dieser Kleinen, die sich noch umguckt, nachfährt, um eine Gewalttat zu begehen - das ist die Grenze. Wenn du die überschreitest, bist du krank. An dem Punkt hat sich meine Privatperson mal kurz in die Rolle eingemischt. Das nimmt dich natürlich mit. Du bist dann abends platt.

Möhring: Auch mit Absagen kann ich gut leben. Das ist keine Absage ist an dich, sondern eine Zusage für einen anderen. Du hast nur nicht gepasst. Die Risikobereitschaft, die sich in meiner Biographie widerspiegelt, brauche ich heute in jedem Film. Jeder Film ist eine neue Reise, ein Wagnis, ein Sprung ins Wasser. Angst ist überhaupt nicht mein Begleiter.

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