Bochum: Eingesperrt: Theater konfrontieren Publikum mit Flüchtlingsleid

Bochum : Eingesperrt: Theater konfrontieren Publikum mit Flüchtlingsleid

Bestattung toter Flüchtlinge, Einsperren im Schlepper-Laster, Kampf um Visa - mit spektakulären Aktionen bringen Theater und Künstler ihrem Publikum das Leid der Flüchtlinge nah. Die Theater zeigen beim Flüchtlingsthema Flagge.

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Bochum. 71 Flüchtlinge ersticken qualvoll in einem Schlepper-Lastwagen in Österreich. Nur wenige Tage später werden im letzten Moment 24 Afghanen aus einem zugeschweißten und verschlossenen Kleintransporter befreit. Das Leid Zehntausender Flüchtlinge, die in diesen Tagen Schutz in Europa suchen, kommt mit diesen grausamen Bildern besonders nahe.

Auch Künstler und Theater suchen Antworten auf das große Flüchtlingsthema, das die Gesellschaft über kurz oder lang verändern wird. Schon längst zeigen Theater in ganz Deutschland Flagge und bringen Stücke zur Flüchtlingsthematik mitsamt den Betroffenen auf die Bühne. Sie protestieren mit künstlerischen Mitteln gegen eine Abschottung Europas.

Es geht noch drastischer, wie eine für Mittwochabend vor dem Schauspielhaus in Bochum geplante Aktion zeigt. Dort soll eine halbe Stunde lang ein Laster parken - baugleich zu dem Kühllaster, in dem vor knapp einer Woche mehr als 70 Flüchtlinge starben. Passanten können sich einschließen lassen und selbst erfahren, wie es ist, auf 15 Quadratmetern Ladefläche gefangen zu sein, ohne Licht, ohne Luft.

Die Idee für die provokante Aktion hatte der Spediteur Gerard Graf, der das Unvorstellbare konkret machen will. „Diese Flüchtlinge sind ja nicht in Syrien eingestiegen, sondern in der EU. Sie waren ja schon in einem sicheren Raum.“ Der leitende Dramaturg des Schauspielhauses, Olaf Kröck, sagt: „Die Aktion, die wir da machen, ist nur ein kleiner Versuch, mal etwas zu versinnlichen, was wir im Moment ständig auf dem Tisch liegen haben.“ Es gehe hier auch nicht um Kunst, sondern um eine humanitär motivierte Aktion.

Noch krasser geht das Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ vor, das aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik in Berlin tote Flüchtlinge bestatten ließ. Als „aggressiver Humanist“ bezeichnete sich der Kopf der Gruppe, Philipp Ruch, im „Spiegel“.

Die Leiterin des renommierten Berliner Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, sagte im April in einem dpa-Interview: „Es gibt ein neues politisches Theater.“ Das Flüchtlingsdrama sei derzeit eines der zentralen Themen für die Theater, und das nicht nur auf der Bühne, sondern auch mit zivilgesellschaftlichem Engagement.

Realität und Kunst vermischen sich bei der Inszenierung, indem oft dokumentarisches Material in die Stücke einfließt oder die Flüchtlinge gleich selbst auf die Bühne gebeten werden. So ließ Regisseur Nicolas Stemann für seine Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ - ein leidenschaftliches Plädoyer für schutzsuchende Flüchtlinge - Schauspieler und afrikanische Flüchtlinge gemeinsam auftreten.

Syrische Flüchtlinge spielen auch im hessischen Biedenkopf Theater. In Mannheim ist im Oktober die Premiere eines Theaterstücks geplant, in dem Flüchtlinge selbst ihre Geschichte erzählen.

Performance-Kollektive machen die Zuschauer mit verstörenden Inszenierungen selber zu Akteuren und konfrontieren sie so ganz direkt mit dem Flüchtlingsleid. Die Berliner Künstlergruppe „machina ex“ ließ vergangenes Jahr in Düsseldorf Zuschauer in der Live-Performance „Right of Passage“ zu Flüchtlingen werden, die aus einem Transitcamp über eine fiktive Grenze fliehen sollen. Um Visa- und Asylanträge zu bekommen, müssen sie sich durch einen bürokratischen Dschungel kämpfen.

Kommt die Botschaft der Bühnen aber auch bei den Menschen außerhalb des Theaters an? Ob Aktionen, Geschichten über Flüchtlinge im Theater oder im Roman - „mir ist jedes Mittel Recht, um gegen eine offenbar immer noch teils rassistische und menschenfeindliche Haltung in Deutschland anzugehen“, sagt der Dramatiker und Romanautor Moritz Rinke der Deutschen Presse-Agentur. Es fehle den Leuten an Wissen, „was flüchtende Menschen dazu bewegt, alles zu verlassen und ihr Leben zu riskieren, um hier anzukommen“.

„Wir sprechen ständig von Globalisierung, stellen unsere schöne Welt im Netz bis auf die Haut aus, und wenn dann andere teilnehmen wollen, zünden wir deren Unterkünfte an ....“, sagt Rinke.

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