Ein Mann steht seine Frau

Ein Mann steht seine Frau

Uwe Ochsenknecht glänzt in Köln als skurrile Diva, Maite Kelly als aufgedrehte Tochter. „Hairspray“ hat Schwung.

Köln. Wer anderen gern den Kopf wäscht, muss auch mal den eigenen hinhalten - Edna Turnblad (Uwe Ochsenknecht) macht es in einer Schürze, die Mode-Papst Karl Lagerfeld vermutlich nicht mal mit einer Pinzette anfassen würde. Prompt gibt’s die Quittung: Ehe sich die dralle Hausfrau versieht, sitzt sie beim Edel-Designer, im Gefängnis oder auf der Fernsehbühne.

Das kann natürlich kein Zufall sein, sondern ist von langer Hand und Musical-Machern geplant. Sie setzen ganz auf den Charme von Ednas Tochter Tracy (Maite Kelly), die ihre Mutter in allerlei Abenteuer verwickelt, keinen falschen Respekt kennt, richtig Gas gibt, wie ein Wirbelwind durch eine US-Kleinstadt fegt und alles mitreißt, das sich begeistern lässt.

Auch das Publikum im Kölner Musical Dome zog am Donnerstagabend mit. Die Musik der 60er ist ja auch zu unvergesslich, um sie nicht aufs Neue zu feiern. Deshalb könnte die Stimmung bei der Medienpremiere kaum besser sein - und "Hairspray" durchaus ein dicker Erfolg werden.

Denn der Aufstieg einer pummeligen Außenseiterin zum landesweiten Teenager-Idol ist nicht nur etwas für alle, die Diät machen und Ablenkung zwischen Hungerattacken suchen. Auch andere dürften sich kaum satt sehen - die, die schmissige Tanzszenen, ein pralles Bühnenbild voller pfiffiger Einfälle, kunterbunte Kostüme und vor allem den Rock’n’Roll lieben.

Dabei ist vieles in der Geschichte an den Haaren herbeigezogen: Dass ein übergewichtiger Backfisch nicht mit seinen Pfunden hadert, sondern mit einer dicken Portion Selbstbewusstsein bei einem Fernsehsender anklopft, ganz nebenbei gegen Rassenschranken kämpft, jede Hürde leicht nimmt und sich von niemandem das Leben wirklich schwer machen lässt, ist in etwa so realistisch wie die Annahme, dass alles klappt, wenn man nur genug Haargel in der Tasche hat.

Auch wenn die Botschaft Mut macht: In einer Zeit, in der Bulimie ein ernstes Problem ist und es mehr Casting-Sendungen als Haarspray-Sorten gibt, wirkt die witzige Geschichte einer stämmigen Schülerin, die in einer Talentshow im Handumdrehen alle Herzen für sich gewinnt, genauso unglaubhaft wie jede Erfolgsgarantie eines Abnehm-Ratgebers.

Dass die Bühnenversion des Kultfilms trotzdem Spaß macht, liegt vor allem daran, dass Regisseur Jack O’Brien das Gute-Laune-Musical mit der richtigen Komik-Dosis würzt und zwei Zugpferde ins Rennen schickt, die ihre Rollen mit Haut und Haaren leben.

Traditionsgemäß steht ein Mann seine Frau: Uwe Ochsenknecht geht in seiner Mutterrolle (mit künstlichen Hüftpolstern und mehr Sprech- als Gesangseinlagen) dermaßen auf, dass es eine wahre Freude ist. Als sympathisch-skurrile Stimmungskanone entwickelt er sich von der Bügeleisen-Matrone zur Volldampf-Diva. Am komischsten ist Ochsenknecht, wenn er als Edna augenzwinkernd mit Ehemann Wilbur (Leon van Leeuwenberg) flirtet, wobei er seinen Kollegen - nicht nur wegen der aufgesetzten Körperfülle - an die Wand spielt.

Ihre Paraderolle füllt auch Maite Kelly bestens aus: Als rebellische Tracy gibt sie ihr Musical-Debüt. Das Energiebündel ist unglaublich präsent - in den leisen Momenten jedoch, zwischen Schul- und Liebeskummer, nimmt man ihr die Verzweiflung nicht ab. Zwischen den prominenten Schwergewichten versprüht Nicolè Berendsen herrlich viel Gift: Als fiese TV-Produzentin Velma gibt sie eine grandiose Figur ab - eine schöne Schlange.

Tineke Ogink hat als Velmas arrogante Tochter eine undankbare Rolle ohne Entwicklungsmöglichkeiten. Dafür gibt es aber noch den attraktiven Link: Leichtfüßig spielt Daniel Berini den Teenager-Schwarm. Er hätte Haarspray gar nicht nötig, um die Blicke auf sich zu ziehen.

Mehr von Westdeutsche Zeitung