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Dieter Hildebrandt: Von Altersmilde keine Spur

Dieter Hildebrandt: Von Altersmilde keine Spur

Dieter Hildebrandt liest und zetert im Kom(m)ödchen.

Düsseldorf. Lesen werde er gleich, verspricht Dieter Hildebrandt wild gestikulierend. Es ist ein Ritual, das er pflegt, seit er sich aufs Schreiben konzentriert. Bei den obligatorischen Lesungen allerdings nur aus seinen Büchern zu rezitieren, das wäre der Galionsfigur des deutschen Kabaretts zu wenig. Deswegen gibt’s am Sonntagabend im Düsseldorfer Kom(m)ödchen vor der Pflicht, seinem Buch "Nie wieder 80!", die Kür, die aktuelle Weltlage aus der Hildebrantschen Sicht. Und diese wilden Assoziationsketten, vom Lokführerstreik bis zur Großen Koalition und einmal über den Umweg FDP wieder zurück zum Schreckgespenst Bahn, sind gewohnt hintersinnig, vor allem aber grandios recherchiert.

Dass bei ihm die Altersmilde noch nicht einsetzen will, schützt ihn vor der Belanglosigkeit, mit der Kollegen wie Hans Scheibner ihre einstige Scharfzüngigkeit gegen kauzige Volkstheaterbehäbigkeit ausgetauscht haben. Wenn Hildebrandt übers Nordic Walking, den verkürzten Sprachduktus von E-Mails oder die Universalignoranz von Unternehmensberatern zetert, dann sind das keine freundlichen Histörchen, bei denen sich ein Senior kopfschüttelnd dem vermeintlichen Fortschritt ergibt. Hildebrandt denkt gar nicht daran, sich ausmustern zu lassen. Er kennt sie alle, die Fachbegriffe, die Zusammenhänge, und genau deswegen kann er sie auch zu treffsicherer Satire verarbeiten.

Sein Stil, das vermeintliche Stottern, das scheinbar zusammenhanglose Brabbeln, das sich über drei Reizwörter in einer unerwarteten Pointe entlädt, kommt ihm an manchen Stellen, wenn er sich tatsächlich verheddert, entgegen. Das Alter, sicher, es hat Nachteile, aber noch einmal jung sein, die 30er oder gar die 20er noch mal zu durchleben, das kann sich Hildebrandt nicht vorstellen. Solange er es kann, wird er in der Tagespresse weiter nach hohlen Politikerphrasen forschen, die er vor Publikum genüsslich bloßstellt.

Kleine Altersmacken gönnt er sich trotzdem, beispielsweise Kalauer über holländische Touristen. Dann schämt er sich, schlägt die Hände vors Gesicht, grinst sich aber innerlich einen. Den hatte ich gut, denkt er sich dann. Ja, hat er!