Die Nägel und ihr Kosmos

Die Nägel und ihr Kosmos

Interview: Günther Uecker spricht über den Kunstmarkt, seine Arbeit – und auch über das Beten.

Düsseldorf. Günther Uecker wird heute 80 Jahre alt und arbeitet noch immer wie ein junger Mann. Im November erhält er eine große Retrospektive in New York. Seine Ausstellung "Der geschundene Mensch" befindet sich seit 1993 auf Welttournee und hat demnächst die 48. Station in St. Petersburg. Er stellt in Lhasa, Teheran und Budapest aus. Und im nächsten Jahr soll es auch die erste, große Schau in seiner Wahlheimat Düsseldorf geben.

Günther Uecker: Er interessiert sich schon immer für mich. Wenn man aber jetzt auf Auktionen für ein kleines Werk von mir rund eine Million zahlen muss, dann ist das ziemlich eindrucksvoll.

Uecker: Ich selber, wer denn sonst. Die Texte und Fotos besorgt meine Frau Christine.

Uecker: Ich brauche niemanden. Ab und zu ist Arkadi Bronstein da, ein früherer Student von mir aus Moskau. Er arbeitet mit Holz und macht Rahmen.

Uecker: Die Kunst hat ihre Begrenzung. Was ich nicht selbst tun kann, das wird nicht getan und das muss auch kein anderer tun.

Uecker: Ich mache gerade ein Buch mit Christa Wolf für die nächste Leipziger Buchmesse. Sie hat einen Text nach dem Desaster in Tschernobyl geschrieben, ich habe dazu Aschebilder gemacht. Das Buch nennt sich "Störfall".

Uecker: Mich interessiert die Gratwanderung zwischen Sprache, Schrift und Bild. Wo die Sprache versagt, beginnt das Bild.

Uecker: Die Gebetswirklichkeit. Ich bin in der DDR atheistisch aufgewachsen. In dieser Ideologie befangen, empfinde ich den Glauben verschiedener Kulturen als anziehend. Die tibetische Welt ist mystisch. Das gilt auch für die Turkvölker, die im Sufi-Tanz eine meditative Erfahrung haben. Wenn sie, aber auch Christen und Juden keine Gottesnähe mehr herstellen würden, wären wir verloren. Was die Welt ist, zeigt sich im Beten.

Uecker: Der Nagel wirft einen Schatten. Dadurch hat er einen Zusammenhang mit dem Kosmos. Der Schatten wäre nicht, wenn nicht die Sonne wäre.

Uecker: Wir sind wohlstands-steppdeckengebettet. Wir sind etwas zum Hinterhof der Welt geworden, weil wir die realen Umstände nicht nachvollziehen. Wir schätzen zum Beispiel China falsch ein, wo es sehr viel zu beklagen gibt, aber wo der Entwicklungsprozess sehr geschwind ist.

Uecker: Die Stadt verkörpert Weltoffenheit und hat einen sehr nahe gelegenen Flughafen. Ich wohne im Stadtteil Oberkassel, einer Halbinsel im Rhein. Der Rhein hat mich veranlasst, hier zu bleiben, weil es ein starker Strom ist.

Uecker: Durch Offenheit. Indem ich allem gegenüber offen bin, verwandle ich mich auch.

Uecker: Der Dialog. Es war eine Herausforderung, die eigenen Arbeiten zu reflektieren. Ich habe analytisches Denken und Sprachfähigkeit erworben.

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