1. Kultur
  2. Bühne

„Der Idiot“ in Köln: Freundlicher Fürst im Warenlager

„Der Idiot“ in Köln: Freundlicher Fürst im Warenlager

Karin Henkel inszeniert Dostojewskis „Der Idiot“ in Köln.

Köln. Eine Gestalt in T-Shirt und weiten Jeans streicht sich die strähnigen Haare aus dem Gesicht und hält eine Ansprache — über die Leere, die Selbstbezogenheit des Menschen und sein utopisches Potenzial. „Ich rede, um uns alle zu retten“, sagt Fürst Myschkin mit dem Ton anrührend-verzweifelten Insistierens.

Lina Beckmann spielt die Hauptfigur aus Dostojewskis Roman „Der Idiot“ mit einer beeindruckenden Intensität, in der sich das Zarte mit dem Duldsamen, das Verschrobene mit dem Unbeirrbaren auf verblüffende Weise vereinen.

Mit der Crossgender-Besetzung gelingt es Regisseurin Karin Henkel, Dostojewskis Schmerzensmann ins Geschlechtsneutrale zu überhöhen, ohne die Verhaftung im Realen zu verlieren. Und die Realität ist hier eine von Tausch und Kapital.

Kleinteilig türmen sich Warenlager und Shops neben- und übereinander. Im Zentrum ein düsterer Verhau mit der Aufschrift „Rogoschin + Söhne“, hinter dessen Rolltor ein Bildnis des toten Christus leuchtet.

Hier geht es nur um eins: Geld. Der versoffen-weinerliche Lebedjew (Markus John) hofft, dass sein biederer Sohn Ganja (Maik Solbach) heiratet. Einfädeln soll das General Jepantschin, bei Yorck Dippe ein schwadronierender Wortseifenbläser.

Jepantschin will seine Tochter Aglaia an Tozkij verheiraten, wenn der seine Ziehtochter Natascha, die sich von Männern aushalten lässt, an Ganja weitergibt.

Myschkin steht mitten in diesem Sturm des Schacherns. Er verliebt sich in die trotzig-wütende Aglaia (Joerdis Triebel) und macht ihr einen Heiratsantrag, während er tiefe Achtung für Natascha empfindet.

Bei Lena Schwarz ist sie eine ikonische Diva, die zwischen Sarkasmus und Stolz ihre Mitgift hochtreibt und sich schließlich für den wilden Rogoschin entscheidet, den Charly Hübner mit großer Körperlichkeit zwischen Sentimentalität und Gewalt ausbalanciert.

Auch wenn die Inszenierung nach der Pause zerfasert, Karin Henkel gelingt ein überzeugender, vielfach berührender, manchmal sogar genialer Abend.