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Demis Volpi leitet ab September Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg

INTERVIEW Nachfolger von Martin Schläpfer: Demis Volpi leitet ab September das Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg : „Ich muss meinem inneren Kompass folgen“

. Auf Demis Volpi, den neuen Ballettdirektor und Chefchoreografen des Balletts am Rhein Düsseldorf Duisburg, richtet die Tanzwelt jetzt ihre Blicke. Gleich in seiner ersten Leitungsfunktion an einem Theater überhaupt hat der Deutsch-Argentinier (35) sich ein Doppel-Institut ausgesucht mit einem internationalen Spitzenensemble.

Wir sprachen mit dem Nachfolger von Martin Schläpfer, der bekanntlich nach Wien wechselt, über den Corona-Spielplan, das neue Ballett am Rhein und den hohen Erwartungsdruck.

Herr Volpi, sind Sie in Düsseldorf gut angekommen?

Demis Volpi: Inzwischen ja. Ich war noch beim Auspacken, als der Lockdown begann – in einer fremden Stadt war das alles nicht so einfach. Deshalb habe ich die ersten Wochen als eine sehr anstrengende Zeit empfunden. Mit den Tänzern musste ich viel über Zoom kommunizieren. Aber dann hatte ich das Glück, in allen Abteilungen sehr herzlich aufgenommen zu werden. Ich fühle mich sehr wohl in diesem Haus. Und die Stadt hat eine sehr hohe Lebensqualität.

Die Corona-Krise hat die Planung für Ihre erste Spielzeit arg durcheinandergewirbelt.

Volpi: Wir mussten komplett neu planen. Es war aber auch eine spannende Zeit mit vielen, intensiven Diskussionen mit dem Team. Die Frage war immer: Wie können wir ein Ballettprogramm unter Beibehaltung der Abstandsregeln gestalten? Mit Blick auf die Größe der Bühne und die Anzahl der Garderoben stand  irgendwann fest, dass wir maximal acht Tänzer auf der Bühne haben können und die Abende maximal 75 Minuten dauern dürfen. Wir haben lange gebraucht, bis wir die Bedingung akzeptieren konnten, aber dann sind wir kompromisslos und kreativ an die Arbeit gegangen. Wir haben keine Stücke angefasst, deren Identität gefährdet gewesen wäre.

Eigentlich stehen Sie für moderne Handlungsballette. Danach klingen die Programme nun nicht.

Volpi: Im Dezember zeigen wir ein neues Handlungsballett. Im Spielzeitheft steht nur „Uraufführung“, weil wir noch auf die Genehmigung des Verlages warten. Deshalb darf ich nicht mehr verraten. Es ist ein Schauspiel, nach dessen Vorlage wir ein Tanzstück machen wollen.

Was sehen wir an den ersten drei Abenden mit dem Titel „A First Date, Episode 1-3“?

Volpi: Ursprünglich waren alle drei als ein Abend zum Kennenlernen der Company geplant. Doch wegen der Abstandsregeln mussten wir das Programm so aufteilen, dass sich an jedem Abend zwei Gruppen mit jeweils acht Tänzern präsentieren. Es ist wie eine Mini-Serie. Es sind Ausschnitte aus meinen Arbeiten, aber auch eigens für diese Abende choreografierte Stücke. Dazu kommen unter anderem Aszure Barton, Andrey Kaydanovsky, Mario Galizzi und José Limón. Die Programme repräsentieren eine gewisse Bandbreite und bieten jedem Tänzer die Chance sich vorzustellen. In der Pause desinfizieren wir die Bühne und zeigen wir jeweils einen Film, der die Company näher vorstellt.

In dem Programm „Entfernte Verwandte“ spannen Sie den Altmeister Hans van Manen mit „Dances with Piano“ und „Solo“ und die israelische Top-Choreografin Sharon Eyal mit „Salt Womb“ zusammen. Eine tolle Idee, diese beiden klassisch verwurzelten Perfektionisten zu präsentieren. Wie sind Sie darauf gekommen?

Volpi: Mir war von Anfang an klar, dass ich Sharon Eyal in der ersten Spielzeit zeigen will. Sie bringt den Zeitgeist zum Ausdruck, zeigt, was insbesondere junge Menschen heute bewegt. Das Verhältnis von Gruppe zu Individuum wird bei ihr auf philosophische Weise thematisiert. Ich sehe in der Körperlichkeit und der Form der Reduzierung dieser beiden Choreografen eine Verbindung. Trotzdem sind sie ästhetisch ganz unterschiedlich. Dieser Abend knüpft an die Tradition des Hauses an – Hans van Manen arbeitet seit 49 Jahren mit dem Ensemble. Wir wollten einen Gegenentwurf zu ihm vorstellen.

Wie sieht das neue Profil des Ballett am Rhein aus?

Volpi: Es wird weiterhin geprägt sein von individuellen Künstlern. 18 Tänzerinnen und Tänzer sind geblieben, 27 haben wir neu engagiert. Sie haben alle eine klassische Ausbildung. Jeder bringt seine Farbe mit, seine Vergangenheit, seine Erfahrungen. Es bleibt also vielfältig. Das ist etwas, was mich an Martins Ensemble beeindruckt hat.

Sie übernehmen bei Ihrer ersten Direktion eines der international Top-Ensembles mit einem Top-Balletthaus. Empfinden Sie das auch als großen Druck?

Volpi: Erstmal ist es ein Privileg. Mit einer solchen Position ist natürlich auch Verantwortung verbunden. Natürlich bin ich mir dessen bewusst, was ich hier für eine Chance bekomme. Gleichzeitig muss ich meinem inneren Kompass folgen. Wissen Sie, ich kann nur auf dem höchstmöglichen Niveau mit aller Kraft und Leidenschaft meine Arbeit machen und dabei ehrlich sein. Wenn ich versuche, die Erwartungen anderer zu erfüllen, kann ich nur scheitern.

Wie gehen Sie mit der Balletttradition der Rheinoper um? Werden Sie Ihre Vorgänger wie Erich Walter, Heinz Spoerli oder Martin Schläpfer irgendwann auf den Spielplan setzen?

Volpi: Es ärgert mich so, dass wir unseren ursprünglichen Spielplan nicht umsetzen können. Dann wären ein Kinderballett dabei gewesen und ein Abend von Martin. Er hat hier einen Umbruch geschaffen, der seinesgleichen sucht. Wir haben es mit der größten Compagnie weltweit zu tun, die nicht hierarchisch aufgebaut ist. Das ist etwas ganz Besonderes. Und dann gibt es bei den „First Dates“ eine Arbeit von Mario Galizzi, der zwei Jahre Tänzer bei Erich Walter war. Er ist heute einer der wichtigsten Tanzpädagogen und klassischen Choreografen Lateinamerikas. Eine schöne Wiederbegegnung.