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Christian von Treskow: "Darum brauchen wir das Stadttheater"

Christian von Treskow: "Darum brauchen wir das Stadttheater"

Wuppertals Ex-Schauspielchef Christian von Treskow glaubt an die Wirkung seiner Arbeit — jetzt in Aachen.

Aachen. Kulturpolitisch turbulente Zeiten hat Christian von Treskow hinter sich. Als Intendant in Wuppertal musste er Etatkürzungen und die Schauspielhaus-Schließung verkraften. Die Kritik bescheinigte ihm aktuelles, brisantes Theater, aber die verschuldete Stadt verlängerte seinen Vertrag nicht. Warum er trotzdem noch Lust auf Theater hat und nun in Aachen Kafkas „Prozess“ inszeniert, das erzählt der 45-Jährige im Gespräch mit Jenny Schmetz.

Christian von Treskow: "Darum brauchen wir das Stadttheater"

Herr von Treskow, als Schauspielchef in Wuppertal haben Sie erlebt, wie die Stadt ihr Theater kleingespart hat. Können Sie dieser leidvollen Erfahrung dennoch etwas Positives abgewinnen?

Christian von Treskow: Die ständige Bedrohung von außen hat Ensemble und Haus zusammengeschweißt. Es war eine intensive und produktive Theaterzeit. Alle haben immerzu Höchstleistung gebracht. Beliebigkeit durfte es nicht geben, weil in einer Pleitekommune mit jeder Premiere die Legitimation für die städtischen Zuschüsse erneut unter Beweis gestellt werden musste. Dadurch sind viele Aufführungen entstanden, die so sonst nur an viel größeren Häusern zu sehen sind. Das geht natürlich nur für eine gewisse Zeit gut, der Kräfteverschleiß war für alle Beschäftigten gewaltig. Und so ist es auch gut, dass wir nach fünf Jahren Verausgabung jetzt weiterziehen müssen.

Wuppertal steht für viele Kommunen mit Geldsorgen. Fürchten Sie generell um die Zukunft des Stadttheaters?

Treskow: Nein, Städte können auf ganz unterschiedliche Weise mit ihren Geldsorgen umgehen. Hier in Aachen wird das Theater ja auch nicht kaputtgespart. Die ganze Welt beneidet Deutschland um sein Stadttheater-System, und das ist ein sehr vitaler Organismus. Man muss aber auch fragen, wie das Stadttheater zukunftsfähig bleibt.

Wie nämlich?

Treskow: Indem es sich selbst immer wieder runderneuert. Das, was auf der Bühne passiert, muss mit den gesellschaftlichen Fragen Schritt halten. Dann wird das Stadttheater immer seine Berechtigung haben, weil es ein Instrument der Aufklärung ist. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Wuppertal — eine Stadt mit einer völlig fehlgeleiteten Kulturpolitik — auch eine Nazi- und Salafisten-Hochburg ist. Da haben Sie die Antwort, warum wir Stadttheater brauchen!

Sie meinen, Theater kann gesellschaftlich etwas verändern?

Treskow: Wenn man nur einen einzigen jungen Menschen davor bewahrt, sein Leben dem Internet hinzugeben oder sich dubiosen Gruppen anzuschließen, dann hat man die Welt doch schon verändert!

Sie wollen nun zunächst zwei Jahre freiberuflich als Regisseur arbeiten und dann wieder die Fühler nach einer anderen Intendanz ausstrecken. Haben Sie denn jetzt überhaupt noch Lust auf Kämpfe mit Politikern oder Verwaltungen?

Treskow: Wenn man einmal Blut geleckt hat, möchte man da auch weitermachen. Ich habe ein großes Maß an Frustrationstoleranz. Das ist für mich eher ein sportlicher Kampf! Aber beim nächsten Mal werde ich mir die Kulturpolitiker und den Stadtetat vorher genauer anschauen.