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Bayreuth bricht mit Tradition

Bayreuth bricht mit Tradition

Bei den Festspielen gibt es für die Gewerkschaft DGB keine verbilligten Karten mehr.

Bayreuth. Richard Wagner träumte von Gratis-Aufführungen für alle, und in gewisser Weise lebte seine Idee lange Zeit fort: Seit 1951 gibt es spezielle Gewerkschafts-Vorstellungen bei den Bayreuther Festspielen. Die Karten waren zwar nicht gratis, aber doch deutlich billiger als die Tickets zu regulären Festspielpreisen. Doch nun brechen die Festspiele mit der jahrzehntelangen Tradition, die zugleich ein Unikum in der Operngeschichte war: Die ermäßigten Sonderaufführungen soll es nicht mehr geben.

Bereits 2010 kommen DGB-Mitglieder nur noch in den Genuss einer Vorstellung, und für die müssen sie die vollen Preise bezahlen. Bisher waren zwei Vorstellungen für die Gewerkschafter reserviert. "Wir sind gezwungen, mehr Einnahmen zu generieren", sagt Festspielsprecher Peter Emmerich. Außerdem sei die Sonderregelung für den Deutschen Gewerkschaftsbund auf wachsendes Unverständnis gestoßen. Protest kam zum Beispiel aus den Wagner-Verbänden, deren Mitglieder oft lange auf eine Karte warten müssen.

"Außerdem könnten da ja auch andere gesellschaftliche Gruppen kommen, etwa die Kirchen", gibt Emmerich zu bedenken. Man habe sich die Sache nicht leicht gemacht und dem DGB angeboten, weiterhin zwei Vorstellungen - allerdings zu normalen Preisen - zu kaufen; der Gewerkschaftsbund habe aber entschieden, 2010 nur noch eine Aufführung für seine Mitglieder ("Lohengrin" am 22. August 2010) zu erwerben. Regulär kostet die Karte 280 Euro.

Der bayerische DGB-Chef Fritz Schösser sieht in der Entscheidung ein Signal für einen generellen Wandel in Bayreuth nach dem Rücktritt des langjährigen Festspielchefs Wolfgang Wagner im vergangenen Jahr. "Die soziale Komponente scheint keine Rolle mehr zu spielen", sagte Schösser. Wagner habe es sich als Alleinherrscher am "Grünen Hügel" noch leisten können, am "Gewerkschafts-Rabatt" über Jahrzehnte festzuhalten.

Nun aber wachse der Einfluss der Gesellschafter wie des Bundes, des Landes Bayern und der Stadt Bayreuth, meint Schösser. Katharina Wagner und Eva-Wagner-Pasquier hätten als Festspielleiterinnen nicht mehr denselben Status wie ihr Vater. "Jetzt haben wir andere Spielregeln. Die Gesellschafter haben den beiden Wagner-Schwestern wenig Spielraum gelassen."

Der Wegfall des 33-prozentigen Rabatts bedeutet für den DGB eine Verdoppelung der Kartenpreise, denn die Tickets werden 2010 ohnehin zum Teil deutlich teurer. Der DGB-Chef fürchtet, dass sich normale Arbeitnehmer das nicht mehr leisten können. "Wir müssen uns fragen, ob künftig noch die kommen, die wir nach Bayreuth holen wollen."

Entstanden war das Gewerkschafts-Privileg nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Festspiele waren wegen ihrer Nazi-Verstrickung diskreditiert; Wieland und Wolfgang Wagner, die Enkel des Komponisten, mussten sie erst von der historischen Last befreien. Sie warben beim DGB Bayern um Unterstützung - mit Erfolg: Der Gewerkschaftsbund kaufte eine komplette Vorstellung zu ermäßigten Preisen.

Am 26. August 1951 sahen knapp 2000 Arbeitnehmer die Oper "Die Meistersinger von Nürnberg". Seit 1952 wurden immer zwei Vorstellungen für die Gewerkschaften reserviert.