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Bachmann baut Brücken über den Rhein

Bachmann baut Brücken über den Rhein

Der Kölner Intendant bespielt zurzeit eine alte Fabrik in Mülheim. Dort gibt es Kunst und Gemüse — dem Publikum gefällt’s.

Köln. Kölns Brücken sind kaputt. Wer den Rhein quert, der braucht stahlseilstarke Nerven — entweder im Baustellenstau oder auf der überlasteten Eisenbahnbrücke. Pünktlich klappt so gut wie nie. Ein gewagtes Unterfangen also, dass Kölns neuer Schauspielintendant Stefan Bachmann beim Start im vergangenen Jahr ausgerechnet das Brückensymbol für sein Theater wählte — noch dazu im gleichen Grün wie die bemitleidenswerten Bauwerke der Domstadt.

Weil das Schauspielhaus in der Innenstadt ebenso schrottreif war, musste er in eine alte Kabelfabrik ins rechtsrheinische Mülheim ausweichen. Eine Halle, in der weder Bühnentechnik noch Akustik viel zu bieten hat.

Bachmann lag richtig mit seiner Symbolik: Die Zuschauer kommen zahlreich, schauen und sind oft begeistert. Zwischen Zwiebeln und Zucchini im Carlsgarten, dem Urban Gardening Projekt vor der Werkshalle, klönen Kölner, die die benachbarte Keupstraße bislang nur aus dem Fernsehen und den NSU-Berichten kannten. Jetzt werden die bürgerlichen Besucher von kundigen Menschen zu Fuß durch den türkisch-bulgarischen Mikrokosmos geführt.

Im Stück „Die Lücke“ von Nuran David Calis verhandeln anschließend Schauspieler und Laien aus dem Veedel auf der Bühne, was wer und warum vom anderen denkt. Das ist zwar mehr ein großartiges Sozialprojekt als geniale Theaterkunst — aber bei einem Brückenbau dieser Art ein entscheidendes Detail.

Starke Bilder — das ist das Markenzeichen Bachmanns auch als Regisseur. In seinem „Käthchen von Heilbronn“, das am vergangenen Wochenende vom Premierenpublikum bejubelt wurde, qualmt es aus allen Ritzen, Ritterrüstungen scheppern und eine monströse Kunigunde beschreitet das Schlachtfeld im Glitzerkleid zum bombastischen Sound, bei dem Roland Emmerich nicht weit zu sein scheint.

Geboten wird gut gemachte Unterhaltung. Bruno Cathomas spielt Graf vom Strahl als maniriertes Muttersöhnchen mit Hang zum Klamauk und Julia Riedler als Käthchen mit der Stimme und dem Körpereinsatz einer Thekenkraft ist eine eigenwillige Interpretation. Bachmann lässt einen großen Teil seines Ensembles auf dem hallenbreiten Burgwall antreten, sich Schlachten in Martial-Arts-Optik liefern und auch Slapstick hat er im Programm. Eine tiefere Deutung des Kleist-Klassikers lässt er indes nicht erkennen. Bachmann schafft eher sinnliche als besinnliche Eindrücke auf der Bühne.

Zu Bachmanns Art sein Schauspiel zu leiten, gehört auch, dass er zur Eröffnung der neuen Spielzeit dem jungen Regisseur Bastian Kraft den Vortritt gegeben hat. Sehr geschickt verbindet der 1980 geborene in „Dogville“ Spiel und Projektion. War die Vorlage von Lars von Trier gefilmtes Theater, zeigt er die stark spielenden Darsteller auf drei Ebenen: auf der Bühne, gespiegelt auf einer schrägen Projektionswand und live gefilmt die Gesichter in der Totalen. Und wenn irgendwann Martin Reinkes markante Stimme aus den Zuschauerreihen als Verbrecherboss und Big Daddy laut wird, fährt es vielen Kölnern über den Rücken. Denn Reinke gehört zum Schauspielhaus wie die Brücken zur Stadt.

Der Kölner Theaterchef hat also bislang vieles richtig gemacht. Bleibt zu hoffen, dass Bachmann einige der Menschen rund um die Keupstraße nach der Eröffnung des sanierten Schauspielhauses im November 2015 auch auf die andere Seite der Stadt bringt — denn Brücken sind keine Einbahnstraßen.