1. Kultur
  2. Bühne

Aufführung: Imposanter Büchner

Aufführung: Imposanter Büchner

„Woyzeck“ trifft auf „Lenz“ bei der Inszenierung im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Düsseldorf. Das Experiment steht kurz vor dem Abschluss. Verhetzt sieht er aus, dieser Woyzeck. Er ist immer in Bewegung, will alles richtig machen. Nur Erbsen darf er essen, so will es der forschende Doktor. Dafür gibt es Geld. Wie ein Hund hockt das Objekt der Betrachtung am Boden, lässt sich den Puls fühlen. Dann rennt Woyzeck weiter, der Hauptmann gibt Befehle. Stimmen kommen von überall, sind in seinem Kopf. Bis er zusticht. Ein Irrer, der seine Geliebte mit mehr als 50 Messerstichen tötet. Ende des Experiments.

Dem Düsseldorfer Hausregisseur Falk Richter war der „Woyzeck“ allein zu wenig. Das weltweit am häufigsten gespielte deutsche Stück ist nur ein Teil seines kraftvollen Projekts namens „Büchner“, mit dem er den revolutionären Geist geschickt in die Gegenwart holt, und der dem Publikum bei der bejubelten Uraufführung wie ein Sturm ins Gesicht bläst. Wie lange hält ein Mensch Unterdrückung und Erniedrigung aus?

Richter ist deutlich: Damals waren es die Fürsten, die das Volk knechteten, um sich ein schönes Leben zu machen. Heute sind es die Finanztechnokraten, die uns bis in den Wahnsinn treiben.

Das Tempo, mit dem die sieben großartigen Schauspieler durch den Abend hetzen, ist atemraubend. Auf der sich ständig drehenden Bühne durchmessen sie die Zeit von damals bis heute, beginnen mit Büchners „Lenz“, springen in den „Woyzeck“, erfassen mit Passagen von Richter selbst die Diktatur der Märkte und sehnen sich mit Heiner-Müller-Zitaten nach der Lücke im Ablauf, nach dem Stillstand.

Nackt und schwarz ist die Bühne, auf der Hinterwand schaffen projizierte Handschriften Raum: Gedanken aus Büchners Feder, Börsenkurven und ein stilisiertes RAF-Symbol. So deutlich Richter mit „Büchner“ Stellung bezieht, so sehr ist er Verführer, lässt Aleksandar Radenkovic eine glühende Rede für den freien Markt führen. Dafür erntet er Szenenapplaus. Büchners „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ vereint sich mit „Wer das Geld hat, hat die Macht, bis es unterm Auto kracht“ und Adorno-Thesen in ein stimmiges, aufforderndes Ganzes.