Wallander: Der Kommissar im Schatten

Wallander: Der Kommissar im Schatten

Krimi: Am Freitag erscheint Henning Mankells neuer Roman und zugleich der letzte Fall seines Ermittlers Kurt Wallander.

Düsseldorf. Kurt Wallander ist zurück, allerdings nur für einen Fall - seinen letzten. So zumindest bewirbt der Verlag Henning Mankells neuen Roman "Der Feind im Schatten", der zehnte Band mit dem grüblerischen Kommissar. Bereits 1998 war der Vorgänger - "Die Brandmauer" - erschienen, doch Wallander hat weiter gewirkt. Er hat dem 62-jährigen Mankell so viel Ruhm eingebracht, dass die Fangemeinde dem Autor längst auch in andere Genres folgte, etwa in seine melancholischen Afrikageschichten. Sie akzeptierte auch, dass Wallanders Tochter Linda als Kommissarin die Stelle des Protagonisten zeitweise einnahm.

Nun also Wallanders letzter Fall. Die Wiedersehensfreude mit dem schwedischen Ermittler ist jedoch getrübt. Dem mittlerweile 60-Jährigen geht es nicht gut, er zweifelt an sich und dem Leben. Wallander hat sich ein Haus auf dem Land gekauft, den Hund Jussi angeschafft und ist Großvater geworden. Linda kommt mit der kleinen Klara häufig zu Besuch, zumal sie in ihrer Babypause genauso unruhig wird wie ihr Vater. Der Kommissar leidet unter seiner Diabetes, zu hohem Blutdruck und spürt auch sonst in jeder Pore, dass er nicht mehr jung ist. Besonders seine Vergesslichkeit macht ihm Sorgen.

"Es war eine Zeit, in der Wallander in seinem Haus herumlief wie in einem Käfig; ein eingeschlossener Bär, der sich nicht mehr gegen die Einsicht wehren konnte, dass er jetzt sechzig war und damit unaufhaltsam dem Alter entgegenging. Vielleicht würde er noch zehn oder zwanzig Jahre leben, aber er würde nichts anderes mehr erleben, dass das Alter sich um ihn herabsenkte. Die Jugend war eine ferne Erinnerung, die mittleren Jahre waren vorbei. Er wartete in den Kulissen, um die Bühne für den dritten und letzten Akt zu betreten, in dem alles seine Erklärung finden sollte, in dem Helden hervortreten und Schurken sterben würden."

Wie ein ewiges Lamento zieht sich Wallanders Hadern mit dem Alter und die Angst vor dem Tod durch das Buch. Gleichzeitig hat der Kommissar seine Rastlosigkeit und seinen Biss nicht verloren: Der "Bluthund" in ihm nimmt eine Fährte auf. Und so recherchiert er einen sehr politischen Fall, der eigentlich nicht in seine Zuständigkeit fällt.

Schließlich betreffen die Vorfälle die eigene Familie. Erst verschwindet Hakan von Enke, ehemaliger U-Boot-Kommandant, später dessen Frau Louise - Lindas Schwiegereltern in spe. Bisher hat Linda den Vater ihrer Tochter, den Banker Hans von Enke, noch nicht geheiratet.

Wallanders Nachforschungen führen zurück in die Zeit des Kalten Krieges, als in den 80er Jahren fremde U-Boote in schwedische Gewässer eindrangen. Wie Geschichte in die Gegenwart wirken kann, das erfährt Wallander nach langen und manchmal - besonders im Mittelteil des fast 600 Seiten starken Romans - ein wenig ermüdenden Ermittlungen.

Wichtiger als der Fall ist bei Mankell sowieso das Drumherum, die Atmosphäre, die Charakterzeichnungen, die Milieuschilderungen. Und das beherrscht er meisterlich. Wie der Autor auf wenigen Seiten einen ehemaligen Stasi-Offizier zum Leben erweckt, der nach Schweden geflüchtet ist und dort ein einsames Leben im Wald führt, wie er mit wenigen Pinselstrichen einen ganzen Kosmos entwirft, hebt ihn über viele andere Schriftsteller seiner Klasse heraus.

Es gelingt Mankell, seinen Wallander Rückschau halten zu lassen, ohne allzu sentimental zu werden. Er erinnert sich an alte Fälle, an eine verzweifelte Frau im Rapsfeld oder an verkleidete Jugendliche am Strand, und begegnet früheren Geliebten wie etwa Baiba aus Lettland noch einmal. So wird Wallanders letzter Fall auch eine Reise in seine Vergangenheit, eine Abrechnung mit dem Leben und mit einem Beruf, den Linda wohl künftig weiter ausüben wird.

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