Roman "Kämpfen": Romansaga: Für Karl Ove Knausgård hat es sich jetzt ausgekämpft

Roman "Kämpfen" : Romansaga: Für Karl Ove Knausgård hat es sich jetzt ausgekämpft

Der norwegische Schriftsteller schließt mit „Kämpfen“ seine sechsbändige autobiografische Romansaga ab.

Aachen. Anfangs, als die Welt nichts anzufangen weiß mit dem Namen Karl Ove Knausgård, ist die Begeisterung noch ungebrochen. Wer ist dieser Mann aus Norwegen, der Bücher schreibt, die es in dieser Art nie zuvor gegeben hat? Allenfalls ein Geheimtipp. Die, die ihn schon kennen, fühlen sich ein bisschen toll, wenn sie den Namen in die Runde werfen können. Mit Knausgård kann man sich brüsten, an Knausgård kann man sich berauschen, er ist das nächste große Ding im schnelllebigen Literaturbetrieb. Wer mitreden will, muss „Sterben“ (2011) und „Lieben“ (2012), die ersten beiden seines sechs Bände umfassenden Romanzyklus, gelesen haben.

Spätestens nach dem Erscheinen dieser Bände ruft die überschwängliche Begeisterung für Knausgård die Kritiker auf den Plan. Irgendetwas kann hier nicht mit rechten Dingen zugehen; dieser verschrobene Typ aus Norwegen ist schlicht und einfach zu erfolgreich, das macht ihn suspekt. Nun wird das Phänomen Knausgård unter die Lupe genommen und am Ende gipfelt diese Untersuchung in der Frage: Ist das, was er zu Papier bringt, überhaupt Literatur?

Während ihn die einen mit Proust vergleichen, werden die anderen nicht müde, seine Prosa als formal wie inhaltlich leer zu brandmarken — das Werk eines emsigen Egoliteraten. Und die Literaturkritikerin Iris Radisch will das, was Knausgård schreibt, gar als einen Anschlag auf ihre Lebenszeit verstanden wissen.

Eigentlich will er den Tod seines Vaters in einem Roman verarbeiten, als er sich an die Arbeit macht, doch schnell ist Knausgård klar, dass ihm das mit Hilfe der Fiktion nicht gelingen kann. Die Realität ist zu übermächtig, als dass er ihr mit einer ausgedachten Geschichte beikommen könnte. Und so setzt er sich hin und erzählt sein Leben, wie es sich ereignet hat, nimmt kein Blatt vor den Mund.

Die Radikalität, mit der er sein Schreiben verknüpft, hat etwas Abschreckendes und Anziehendes zugleich. Ganz oder gar nicht. Bei Knausgård gibt es nichts dazwischen. Seit jenen Tagen, als die Welt Knausgård entdeckt, sind etliche Jahre vergangen. Nun ist „Kämpfen“ erschienen, der letzte Band seines autobiografischen Mammutprojekts. Ein Geheimtipp ist Knausgård schon lange nicht mehr.

Er ist der Superstar der Buchszene, seine Werke sind in 30 Sprachen übersetzt, über kaum einen Schriftsteller sind in Zeitungen, Magazinen oder Fernsehsendungen so viele Porträts erschienen wie über ihn. Und sie erzählen immer wieder die gleiche Geschichte: Überforderter Familienvater mit schriftstellerischen Ambitionen, der ein schwieriges Verhältnis zu seinem eigenen alkoholkranken Vater hatte, therapiert sich selbst, indem er sein Leben aufschreibt; eine Autobiografie in sechs Bänden, die schonungsloser nicht sein könnte. Jeder bekommt sein Fett weg. Vor allem Knausgård selbst.

Nun also „Kämpfen“, der sechste und letzte Band. Noch einmal 1280 Seiten, noch einmal ein Lesemarathon. Natürlich weiß man inzwischen, worauf man sich einlässt, weiß, dass es mitunter auch Streckenabschnitte gibt, die einem besonders viel abverlangen.

Da ist er wieder, dieser Kerl, der an den großen und kleinen Routinen des Alltags verzweifelt, der wieder und wieder die Frage stellt, was das alles soll, der sich nicht scheut, sein Jammerlappendasein zur Schau zu stellen. Man kennt das aus den fünf Vorgängerbänden zur Genüge, und doch kommt Knausgård in diesem Finale noch kompromissloser daher, treibt seine Methode, die Welt mit intimsten Details seines Innersten zu konfrontieren, auf die Spitze. Soviel Knausgård war nie. Soviel hat er dem Leser noch nie abverlangt.

Es gibt Momente, in denen man am liebsten aussteigen möchte aus diesem literarischen Marathon, in denen man an die Schmerzgrenze kommt und zweifelt, das Ziel zu erreichen. Vor allem dann, wenn der Text einschläfernd vor sich hinplätschert und nichts, aber auch gar nichts passiert. Oft genug stößt man aber genau dann auf eine jener brillanten essayistischen Passagen, die Knausgårds Verlautbarungen seiner selbst für Augenblicke in den Hintergrund treten lassen.

Anders als in den Vorgängern leistet sich Knausgård in „Kämpfen“ einen mehr als 500 Seiten langen Essay-Einschub mit dem Titel „Der Name und die Zahl“. Es geht um Zeit und Psychologie, Kunst und Politik und um die Frage, wie alles zusammenpasst. Und dann sind wir zwischen den beiden Weltkriegen, sind in Wien, sind im Leben von Adolf Hitler. Und sind also am Ende auch bei „Mein Kampf“, jenem Titel, mit dem Knausgård seinen Romanzyklus im norwegischen Original überschrieben hat. Der Luchterhand-Verlag verzichtet wohlweislich darauf, den Gesamttitel des Sechsteilers für die deutsche Ausgabe zu übernehmen. Natürlich verbietet sich dieser Titel. Und doch: Treffender hätte man dieses Projekt, das tatsächlich von einem dauerhaften Kampf erzählt, nicht überschreiben können.

Wie ein Besessener hat Knausgård die Geschichte seines Lebens ausgewälzt. Am Ende sind es mehr als 4600 Seiten geworden. Nun ist der Kampf zu Ende. Und man ist froh, dass der Autor überlebt hat. Allerdings fragt man sich: Was nun? Was soll einer noch schreiben, der das Allerletzte aus sich herausgepresst und sich in einer Art und Weise entblößt hat, dass es selbst dem Leser manchmal peinlich ist?

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