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Knut Hamsun: Das Genie als Unbelehrbarer

Knut Hamsun: Das Genie als Unbelehrbarer

Geburtstag: Heute vor 150 Jahren wurde Knut Hamsun geboren. Er erhielt den Nobelpreis für Literatur und verstörte als Hitler-Fanatiker.

Düsseldorf. "Das ist doch so lange her, können die Leute das nicht endlich vergessen?" So hadern Verehrer des norwegischen Schriftstellers Knut Hamsun. "Er war ein Zyniker und Hochverräter, der den König aufforderte, zurückzutreten, weil er zum Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht aufgerufen hatte. Er verlangte, dass die Norweger die Deutschen unterstützten", erinnert sich ein erbitterter Gegner. Kommt in Norwegen die Rede auf den Schriftsteller Knut Hamsun, geht ein Riss durch das Land.

Denn Hamsun war nicht nur ein zeitweiliger Sympathisant der Nationalsozialisten wie Gottfried Benn, sondern ein glühender Verehrer Hitlers. "Wenn die deutsche Regierung Konzentrationslager errichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass das gute Gründe hat", schrieb er an einen Herrn, der sich für den im KZ Papenburg einsitzenden Carl von Ossietzky verwendete. Als dieser gar den Friedensnobelpreis erhielt, tobte Hamsun. Im April 1940 besuchte er ein in Norwegen stationierts deutsches U-Boot und wünschte Gelingen bei der Ausrottung der Widerstandskämpfer, dieser "Idioten". In einem Nachruf auf Hitler trauert er öffentlich um "eine reformatorische Gestalt von höchstem Range", deren Schicksal es gewesen sei, in einer Zeit beispielloser Niedertracht wirken zu müssen, "die ihn am Ende zu Boden schlug".

Doch 1943, zu Gast bei Hitler und Goebbels, kritisiert er den deutschen Reichskommissar in Norwegen, Josef Terboven, wegen zu vieler Hinrichtungen. Er sei, erinnerte sich jüngst sein Sohn, ein überaus liebevoller Vater gewesen, und die Enkelkinder verehren ihn noch heute als grundgütigen Mann, der nur "Menschen, Tiere und die Bücher liebte".

Unbestritten ist längst, dass er Werke von Weltgeltung schuf, im Range eines Hemingway, Kafka, Zola und Joyce, bewundert von Thomas Mann und anderen. Wer nur seinen ersten Roman "Hunger" liest, der ist hoffnungslos verloren an den Dichter Knut Hamsun. Wenn man aber erfährt, wie er sich , mag er auch ein alter Herr gewesen sein, bei dem gegen ihn wegen Landesverrat geführten Prozess aufführte, lassen Arroganz und Zynismus keinen Raum mehr für Hochachtung. "Ich habe die Zeit für mich", kommentiert er verächtlich. Selbst in seinem letzten, halb autobiographischen Buch "Auf verwachsenen Pfaden" keine Worte der Reue, Buße oder Einsicht.

Muss man das aus seinem in der frühen Jugend sklavenartig verlaufenen Leben erklären, als der beim Onkel hoch verschuldete Vater ihn auf Jahre dort als "Pfand" hinterlässt - eine Zeit, die er später ein "Martyrium" nennt? Doch schon der 14-Jährige weiß, dass er ein Schriftsteller wird. Wie der namenlose Ich-Erzähler in "Hunger", der erst nur durch Größenwahn, Aufschneiderei, wahnwitzige Lügen und eine surreale Wahrnehmung der Wirklichkeit wird, dessen totaler Zerrissenheit man atemlos folgt.

Der Autodidakt Hamsun begründet als 31-Jähriger den Stil des europäischen Romans im 20. Jahrhundert mit seinem ersten Werk! Bewundern darf man hier nicht nur eine Beobachtungs- und Gestaltungsgabe, die Flaubert noch potenziert, der weder das geringste Detail im Dahinvegetieren des großstädtischen Lumpenproletariats entgeht, noch die parfümierten Manieren und die Couture feiner Damen des gehobenen Bürgertums. Hamsun malt literarische Panoramen, die den Leser weit hinausschauen lassen in Herzen und Gemüter, auf Landschaften und Meere, Gezeiten und Himmel.

Wenn das norwegische Königshaus heute mit großem Pomp diesen Schriftsteller feiert, wohl wissend, dass mindestens die Hälfte der Bürger sich abwendet, und wenn in Hamaroy, "Pans" Welt, der spektakuläre Hamsun-Turm des New Yorker Meisterarchitekten Steven Holl eröffnet wird, dann dokumentiert sich auf ein Neues jener Riss, der mit dem Namen dieses literarischen Genies unverändert einhergeht. Am Ende gibt wohl nur eine Frage die Antwort auf das Rätsel Hamsun: Wo, wenn nicht in sich selber, konnte er das Vorbild für die grandiose, ihn rigide beherrschende und endlich fatal in die Irre führende Zerrissenheit finden? Neu herausgegeben und exzellent übersetzt:

Knut Hamsun: "Hunger". A.d.Norwegischen v. Siegfried Weibel, Nachwort von Daniel Kehlmann, 236 S., geb., Claassen Verlag, 19,90 Euro. "Pan". Roman, A.d.Norw von Ingeborg und Aldo Keel, Manesse Verlag, 251 S., 14,90 Euro