Kleine große Welt der Sarah Kirsch

Kleine große Welt der Sarah Kirsch

Die Dichterin hat das neue Buch „Märzveilchen“ veröffentlicht.

Tielenhemme. Zum Tee wollte sie dann doch nicht laden, aber nach „Tee“. So nennt Sarah Kirsch das kleine Örtchen Tielenhemme oben im Norden von Schleswig-Holstein, in dem sie zwischen den Meeren 1983 ihren Ruheort gefunden hat. Immer wieder hat sie mit Büchern ihren Garten bestellt. „Erneute Beweihräucherungen dieser Gegend, immer dasselbe. Na ist doch wahr“, spottet sie nun im neuesten, das den Titel „Märzveilchen“ trägt. Gelöst und geradeaus wie nie gibt sich die 76-Jährige. Beweist Mut zum Kalauer und gewährt Einblick in ihre kleine große Welt.

Schon immer muteten ihre Sätze an, als sei die Zeit stehengeblieben. Kirsch ist Dichterin. Und für Dichter sind Stunden, Tage und selbst Jahre keine Größe. Da wundert es nicht, wenn jetzt auf einmal Tagebuchaufzeichnungen aus 2001 und 2002 erscheinen.

Mit sich selbst ist diese Frau im Reinen. Das merkt man ihren Sätzen an. Sie topft Kakteen um, malt ihre „Akwareller“, oder geht „spazoren zu den Azoren“, wo sie nur Schafe trifft: „Das ist erfreulich.“ Und trifft sie auf ihren täglichen Gängen durch die Natur „ein Pärchen Eis-Enten im Vorfluter an, die eigentlich gar nicht hergehören“, doch sie sagt ihnen das „natürlich nicht“.

Ihre Scholle verlässt Kirsch nur noch selten. Nur wenn sie nach „Rendsborough“ muss, zum „Glatzenschneider“. Oder zu einer Lesung. Wobei sie die schon mal absagt. Eine Einladung der „Akademie für Strafe und Richtung“ passt ihr gar nicht, wo sie mit Volker Braun lesen soll: „Nö. Ein Riesenauftrieb mit italjänische Schriftsteller auch, aber dafür muss man dann neben Friedrich Dieckmann sitzen. Kann ich nimmer teilhaben.“

Nur die Kollegen aus dem Osten schaffen es, Sarah Kirsch kurz einmal aus ihrem inneren Gleichgewicht zu bringen. Wenn im Radio ein Bericht über Hermann Kant läuft, den ehemaligen Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, „mit langen Interviewstrecken und kein böses Wort. Es ist eine Schande“.

Die Dichterin, die 1977 die DDR verließ, weil für sie die innere Emigration keine Möglichkeit war, hat ihren Bestimmungsort gefunden: einen Hortus Conclusus (verschlossenen Garten). Sie lebt in der Natur durch ihr Schreiben. Je älter sie wird, desto weniger lässt sie sich in Formen zwängen. Nicht mal mehr in die von Versen.

Sarah Kirsch: Märzveilchen, DVA, 238 Seiten, 19,99 Euro.