1. Kultur
  2. Buch

F.C. Delius: „Bin überrumpelt-froh“

F.C. Delius: „Bin überrumpelt-froh“

Darmstadt (dpa) - Friedrich Christian Delius (68) war am Wochenende noch mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung auf der Frühjahrstagung in Stockholm. Er ist selbst Mitglied der Akademie, die den renommierten Georg-Büchner-Preis vergibt.

Und dann am Sonntagabend zum Ende der Tagung - bevor der Tross in den Bus stieg - nahm ihn Akademie-Präsident Klaus Reichert zur Seite. Ja, das Präsidium habe beschlossen, ihm den Büchner-Preis zu geben. „Meine erste Reaktion war, dass ich sagte: Meine Haare sind doch noch nicht wirklich grau.“ Er musste es bis Mittwoch geheimhalten - „nicht mal mein Verlag wusste es, nur meine Frau“, erzählt der politische Autor im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Sie haben schon zig Preise bekommen. Der Büchner-Preis - zumal zum 60. Jubiläum - dürfte aber einen besonderen Stellenwert haben?

Delius: „Sicher! Ich bin seit über 40 Jahren in diesem literarischen Betrieb. Und der Büchner-Preis war immer das Höchste und Größte. Das ist das Maximum dessen, was man in Deutschland erreichen kann. Ich fühle mich sehr geehrt und auch ein bisschen beschämt für manche, die ihn noch nicht haben. Aber erstmal bin ich überrumpelt-froh!“

Wie der Joseph-Breitbach-Preis, den Sie 2007 bekamen, ist der Büchner-Preis mit 50 000 Euro dotiert. Was fangen Sie mit dieser Summe an?

Delius: „Also, darüber habe ich mir noch keine Sekunde Gedanken gemacht. Es ist nicht so, dass ich eine Fernreise nach XY im Kopf hätte, die jetzt sofort angetreten werden müsste. Gleich ausgegeben werde ich das Geld sicher nicht. Unsereiner hat ja nun wirklich immer schlecht verdient und eine entsprechend niedrige Rente.“

Woran arbeiten Sie derzeit?

Delius: „Ich arbeite derzeit an einem Roman und einem eher essayistisch-biografischen Buch. Mehr verrate ich noch nicht.“

Was bedeutet Ihnen persönlich der Schriftsteller und Revolutionär Georg Büchner, der Namenspatron des Preises?

Delius: „Büchner ist ein Autor, den wir alle früh in der Schule gelesen habe. Ich habe Büchner aber auch später immer wieder gelesen. Büchner ist in jeder Beziehung ein Autor, von dem man auch heute noch sehr viel lernen kann. Von der Radikalität seines Blicks, von der Radikalität seines Witzes - wenn Sie an ein Lustspiel wie "Leonce und Lena" denken. Von der Radikalität seiner Prosa, wenn Sie an "Lenz" denken oder die Stücke "Woyzeck" und „Dantons Tod". Das sind große Werke, vor denen man als Autor nur höchsten Respekt haben kann.“

Sie gelten als „Chronist deutscher Zustände“. Wie beurteilen Sie die Lage Deutschlands derzeit?

Delius: „Das kann ich nicht in einem Satz sagen. Ich bin keiner, der Formeln - oder gar Meinungsformeln - abgibt. Ich bin - wie es heißt - ein Beobachter, und der Beobachter lässt sich nicht auf flinke Meinungen ein. Aber was ich sagen kann: Ich lebe ja überwiegend in Italien, weil meine Frau in Rom arbeitet. Und ich sehe, wie dieses Italien vor die Hunde geht und weiß dann sehr zu schätzen, was wir in der Bundesrepublik haben. Bei allen Malaisen und Skandälchen.“

Der Büchner-Preis würdigt auch schon Ihr Lebenswerk. Wenn Sie selbst zurückblicken: Welches war ihr bedeutendstes Werk? „Unsere Siemens-Welt“ (1972), die Trilogie zum „Deutschen Herbst“, „Die Birnen von Ribbeck“ (1991), „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ (1994)?

Delius: „Es sind alles Werke, die für mich zusammengehören. Auf den ersten Blick wirkt das alles sehr verwirrend und vielleicht nicht so ganz leicht einzuordnen. Aber ich spüre immer mehr, wie das alles sehr gut ineinandergreift. Und deshalb kann ich einzelne Bücher überhaupt nicht rausheben. Ich muss meine geneigten Leserinnen und Leser bitten, selber zu schnüffeln, sich nicht auf den Autor zu verlassen, der sagt: "Das ist das Wichtigste, guckt euch das an."“

Sie gelten als „Autor der 68er Generation“. Sind Sie heute enttäuscht von der Bewegung? Haben Sie mit einigen 68er-Idealen gebrochen?

Delius: „Nein, da gibt es keine Enttäuschungen. Es ist nichts falsch daran, die Welt ein wenig gerechter machen zu wollen. Das war ja der Ausgangspunkt von '68. Das war diese ganz simple Frage: Wie machen wir die Welt gerechter für noch mehr Leute? Dass das dann bei vielen in Parteidogmatismus und eine falsch verstandene Radikalität abgerutscht ist, habe ich schon damals immer kritisiert. Ich habe nicht zu diesen Fraktionen gehört, sondern zu den undogmatischen, weltoffenen Leuten. Insofern gibt es da keinen Grund, enttäuscht zu sein. Solange es Leute gibt, die ihren Verstand dazu benutzen, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern ein paar Schritte weiter und in die Zukunft zu denken... Das verträgt sich durchaus mit den Idealen von 68!“