Das Liebes-Buch des Zweiflers

Das Liebes-Buch des Zweiflers

Literatur: Lars Gustafssons „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme“.

Düsseldorf. Lars Gustafsson ist am 17. Mai 1936 im mittelschwedischen Västeras geboren, wo einst die Wikinger hausten und das später Bischofssitz wurde. Immer wieder kehrte er dorthin zurück, so, als das DAAD-Stipendium in Berlin oder die Gastprofessur in Austin/Texas abgelaufen waren. In Berlin, erzählt er, habe er gerne mit Max Frisch und Günter Grass palavert. Und seither spricht er fließend Deutsch - aber mit dem schönen dunklen schwedischen Akzent, der wie gesungen aus Kehle und Herz kommend klingt.

Im Geburtshaus Heinrich Heines, der Düsseldorfer Buchhandlung Müller & Böhm, hält sich Gustafsson gerne auf. Vorher nahm er in Berlin an der Sitzung der Akademie der Künste teil und fand sie langweilig. Er erzählt lieber von seinem neuen Roman, einem Liebesroman, den man anfangs leicht für einen Band mit 30 Erzählungen halten kann. "Das Ganze ist ein Spiel mit Descartes", verrät Gustafsson, der sich als Philosoph mit der Schrift "Sprache und Lüge" habilitierte. Und Descartes’ "Ich denke, also bin ich" trickst er hier schon im ersten Satz aus. "Wir nehmen an - gerade weil es so absurd ist -, dass ich nicht existiert habe."

Die Erzählungen, voller Fragezeichen, sind eine Fundgrube für Realitäts-Zweifler. Und wer nach dem Wann und Wo der Handlung fragt, gerät rasch in den Strudel der Jahrhunderte. In die Geschichten der Mutter des Erzählers (der dem Autor verblüffend ähnelt), der Großmutter Tekla und ihres delikaten Rezeptbuchs oder gar des Onkels der Großmutter.

Oder eines versoffenen Taugenichts von Pastor, dessen Pfarrhaus nach einem Fest abbrennt. "Jo", antwortet er, "das Ganze hat eine Textur wie ein Teppich. Etwas Orientalisches. Jo, und das Schreiben dauert lange." Er hat mit zwölf Jahren das Fabulieren begonnen. Und weiß seither, dass nichts so wichtig ist wie genaue, geduldige Beobachtung. Mit seinem Freund, dem Lyriker Tomas Tranströmer, der längst eine reiche Insekten-Sammlung besitzt, ist er auf Pirsch durch die Natur gegangen.Von Gustafsson lernt man, dass Schnee riecht und rauscht.

Auch wenn viel räsonniert wird über das Rätselhafte der Religion, steht keineswegs das Mysterium im Zentrum des Romans, sondern die Liebe, eine unerhörte Liebe. Denn der 17-jährige Ich-Erzähler lässt sich von der musikalischen rothaarigen Schweizerin Frau Sorgedahl mit den zarten Fingern und den schönen weißen Armen verführen. Es ist die erste und atemberaubende Liebe des Jünglings. Noch nie kannte er ein so nymphenähnliches Wesen wie diese wundersame Frau voller Anmut, Reize und Rätsel.

Aber es kommt dann, wie es kommen musste. Nicht nur so, wie diese Liebe erschien und sich vollendete. Liebe kann bitter sein wie eine Mandel, und dem Jungen bleibt diese Erfahrung am Ende nicht erspart.

Wer den feineren Erzählton liebt und sich gerne einfangen lässt in die oftmals geheimnisvollen Fäden der hier wie Netze ausgelegten Geschichtsflicken, in denen immer auch der Schalk haust, der ist hier zu Hause. Lars Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weiße Arme. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Hanser Verlag, geb., 240 S., 19,90 Euro

Mehr von Westdeutsche Zeitung