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Am Ende fällt die Selbstbeherrschung

Am Ende fällt die Selbstbeherrschung

Eine Mutter, eine Tochter und eine überraschend abgründige Lebensbeichte. Daraus macht Sarah Stricker einen wunderbaren Roman.

Berlin. „Meine Mutter war sehr hässlich. Alles andere hätte mein Großvater ihr nie erlaubt.“ Mit dieser ironischen Pointe beginnt Sarah Strickers Roman „Fünf Kopeken“. Er erzählt von einer Frau mit einem spitzen Kinn und einem noch spitzeren Mund, einer bleichen Haut und einem dürren Körper, die ihre fast blinden Augen hinter einer dicken Brille versteckt.

Erst ganz am Ende ihres Lebens, wenn sie bereits zu schwach ist, das Bett zu verlassen, und an Schläuchen hängt, wird diese Frau auf eigenartige Weise schön sein.

Erst dann wird sie auch die Maske der Selbstbeherrschung fallenlassen und ihrer Tochter von einem Leben erzählen, das sie bis dahin in ihrem Inneren verschlossen hatte. In den Stunden am Krankenbett wird die Tochter eine ihr unbekannte Mutter entdecken, eine Frau voller Geheimnisse, Leidenschaften und Abgründe. Dieses Leben hält die Tochter als Chronistin fest.

Sarah Stricker hat mit „Fünf Kopeken“ ein bemerkenswertes Debüt hingelegt. Bereits vor zwei Jahren wurde die aus Speyer stammende, aber heute in Israel lebende Journalistin für Auszüge aus diesem Buch mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet. Tatsächlich schlägt die Autorin in ihrem 500-Seiten-Roman eine ganz eigene Tonart an.

Ihr Buch ist ebenso amüsant wie unverblümt und hintergründig, manchmal auch ein bisschen nostalgisch. Sie ist eine behutsame Erzählerin, die schon einmal Szenen in Slow Motion ablaufen lässt, ganz so, wie wir in unserer Erinnerung bisweilen Erlebnisse abspulen. Keine Frage, wer dieses Buch in die Hand nimmt, muss Zeit mitbringen und Liebe zum Detail.

„Fünf Kopeken“ ist nicht nur eine Mutter-Tochter-Geschichte, sondern auch eine Familiensaga. Der Großvater der Erzählerin ist ein Leistungsmensch — und trimmt auch seine einzige Tochter auf Erfolg.

Mit dem Ergebnis, dass die Tochter in späteren Jahren meint, sich alles erst verdienen zu müssen, auch Liebe und Glück. Als sich schließlich ein junger Mann bedingungslos in sie verliebt, verzeiht sie ihm das nicht. „Mutter“, berichtet die Erzählerin, „ertrug es nicht, dass ihr sein Herz einfach so in den Schoß gefallen sein sollte“.