Landschaftsfotografie: Axel Hütte: „Die Bilder sind schon in meinem Kopf“

Landschaftsfotografie : Axel Hütte: „Die Bilder sind schon in meinem Kopf“

Der Becher-Schüler Axel Hütte ist ein Meister der Großbildkamera. Ein Gespräch zur Retrospektive im Museum Kunstpalast.

Düsseldorf. Axel Hütte ist ein Meister der zeitgenössischen Landschaftsfotografie. Für seine Aufnahmen bereist er alle Kontinente. Erst kurz vor seiner großen Retrospektive im Museum Kunstpalast, die von dem Fotofachmann Ralph Goertz kuratiert wird, fuhr er mit einem Eisbrecher-Schiff in die Antarktis, stand stundenlang in Eis und Nebel, um fünf Aufnahmen mitzubringen. Im Gespräch äußert er sich über den Lehrer Bernd Becher, die Kollegen und die Kunst.

Foto: Axel Hütte

Herr Hütte, Sie gehören zur ersten Generation der Becherschule. Was gab Ihnen Ihr Lehrer mit auf den Weg?

Hütte: Er hat uns zum selbstständigen Denken und Arbeiten angeregt. Und er hat erkannt, dass das Gespräch mit den Kommilitonen auch von großer Bedeutung ist. Deshalb hat er sich auch nur selten sehen lassen. Aber wir konnten Bernd und Hilla Becher jederzeit in Kaiserswerth besuchen.

Sie wohnen in Düsseldorf im Komplex mit Andreas Gursky und Thomas Ruff. Ein lebenslanger Dialog?

Hütte: Das ist richtig. Aber es ist nicht so, dass wir über unsere Arbeiten sprechen. Es gibt genügend Ausstellungen, in denen man sie anschauen kann. Wir haben genug zu tun.

Warum haben Sie zunächst die Filmklasse besucht?

Hütte: Die Filme, die ich machen wollte, waren von Werner Herzogs Film „Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ inspiriert. Der Film zeigte den Schweizer Skispringer Walter Steiner in Zeitlupe, aufgenommen mit einer Hochgeschwindigkeitskamera, welche Bewegungsabläufe mit zehn- bis 20-facher Verzögerung wiedergibt. Ich hatte mir schon einen 16-Millimeter-Umkehrfilm gekauft. Aber als ich für das Ausleihen der Kamera pro Tag 3000 Mark zahlen und auch noch einen hohen Betrag hinterlegen sollte, war das Projekt für mich gestorben. Heute kann man Slow Motion mit einer Video-Kamera ohne weiteres produzieren.

Einige Motive im Wasser könnten auch Slow-Motion-Aufnahmen sein, weil so viele Bilder ineinander übergehen. Lassen Sie die Kamera beim Fotografieren lange offen?

Hütte: Bei Nachtaufnahmen beträgt die Belichtungszeit bis zu 40 Minuten.

Benutzen Sie in der Dunkelheit die Polizeikamera?

Hütte: Nein. Ich warte auf eine windstille Nacht und belichte dann sehr lange. Die Blicke, die sich auf Großstadtarchitektur in Amerika und Asien richten, sind alle aus einem Hotelfenster gemacht. Da legt man sich ins Bett, stellt die Kamera an, lässt sich nach 30 Minuten wecken und hat dann die Aufnahme im Kasten.

Ist da der Zufall im Spiel?

Hütte: Ich machte vor fast 20 Jahren zwei Aufnahmen in Peking mit sehr langen Belichtungszeiten. Als ich nach 40 Minuten aus dem Fenster schaute, war die gesamte Elektrizität abgeschaltet. Auf dem einen Peking-Bild sieht man nur einen erleuchteten, chinesischen Schriftzug auf dem Dach, auf dem anderen Bild sieht man nur ein Glimmen.

Warum lieben Sie seit 1996 alte Eisenbahnbrücken?

Hütte: Diese Aufnahmen sind Fragmente des sich seriell fortsetzenden Eisengerüsts. Mit den Sprossen vertikal und diagonal erreiche ich eine Rhythmisierung und gleichzeitig eine Sichtversperrung.

Welche Rolle spielt bei Ihnen die Dokumentarfotografie?

Hütte: Ich mache keine dokumentarischen Abbilder, denn die Realität stellt sich im Foto anders dar als im menschlichen Auge.

Ihr frühes Foto zum Hotel Furkablick zeigt das Gebäude seitlich angeschnitten; der Nebel verriegelt die Sicht auf die Berge. Ein Antibild?

Hütte: Das Hotel ist nur bis Oktober geöffnet. Der Betreiber, der auch Galerist ist, schloss gerade die Fensterläden, als ich eintraf, weil Sturm erwartet wurde. Am folgenden Tag stand ich fünf Stunden im Schneegestöber. Aber die Blickversperrung durch den Nebel war faszinierend. Die Orientierungslosigkeit im Bild, die ausgefüllt wird durch die eigene Imagination, die möchte ich in solchen Aufnahmen wiedererkennen.

Sie reisen blind. Stimmt das?

Hütte: Ich bereite mich vor, lese Literatur, schaffe in mir eine Art Empfindsamkeitsstimmung. Auf der Antarktisreise hatte ich das Tagebuch eines berühmten Polarforschers dabei, aber auch das letzte Buch von Cees Nooteboom, wo er etwa den Himmel über Mallorca beschreibt. Literatur ist für mich, der ich Bilder erzeuge, wichtig als Reisebegleiter.

Fühlen Sie sich als Flaneur?

Hütte: Ich schaue und lasse den Blick wandern, und plötzlich halte ich inne und staune. Fünf Stunden mit steifen Fingern im Schneegestöber zu stehen, ist eine existenzielle Erfahrung. Sie unterscheidet mich von den Fotografen, die ihre Arbeiten aus dem Netz ziehen. Es ist für mich wichtig, vor Ort etwas zu erleben, zu sehen, und dann das Gesehene in ein Bild zu transfigurieren.

Viele Ihrer Aufnahmen zeigen Spiegelungen im Wasser. Was interessiert Sie daran?

Hütte: Für mich, der ich mit der Plattenkamera fotografiere, steht die Welt immer auf dem Kopf. Während einer Aufnahme fuhr plötzlich ein Fahrradfahrer vorbei, der in der Kamera auf dem Kopf stand. Daraufhin habe ich kleinere Weiher besucht, wo Bäume in der Wasserspiegelung auf dem Kopf stehen. Indem ich dieses fotografische Bild wieder auf den Kopf drehte, sieht man die getäuschte, nämlich gespiegelte Realität real im Sinne der Gravitationsgesetze. Ich sehe, staune und versuche dieses Staunen zu übersetzen.

Worum geht es Ihnen beim Blick auf die Realität?

Hütte: Die Realität, die ich zeige, ist nicht surreal, sondern wirkt irreal.

Warum ziehen Sie Ihre illuminierten Stadtansichten neuerdings auf einer hochpolierten Edelstahlplatte ab?

Hütte: Ich wollte schon immer Daguerreotypien machen, wie es sie am Beginn der Fotografie gab. Im normalen, klassischen Papierabzug hat man niemals die Empfindung, dass etwas leuchtet. In meinen Nachtaufnahmen sollen die Grenzen der Wahrnehmung ausgeleuchtet werden.

Inspiriert Sie Kunst?

Hütte: Die Bilder sind schon in meinem Kopf.

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