Oskar Schlemmer-Staatspreis: Ausgezeichnet: Elger Esser — Poet der Landschaftsfotografie

Oskar Schlemmer-Staatspreis: Ausgezeichnet: Elger Esser — Poet der Landschaftsfotografie

Der Düsseldorfer Künstler wird vom Land Baden-Württemberg ausgezeichnet und stellt in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe aus.

Düsseldorf/Karlsruhe. Als Elger Esser (48) an der Kunstakademie Düsseldorf den Sonnenuntergang aufnahm, meinten die Kommilitonen aus der Becher-Klasse, das gehe überhaupt nicht. Das sei kitschig. Doch Esser blieb stur. Im Gegensatz zur objektiven Fotografie ist seine Kunst subjektiv. Er lässt sich von Malern und Dichtern inspirieren. Inzwischen hat er sich als Poet der Becher-Schule durchgesetzt. Nun erhält er den Oskar Schlemmer-Staatspreis des Landes Baden-Württemberg (25 000 Euro) und zeigt seine Werke in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Er triumphiert mit lyrischen Bildern, in denen das sonnige Gelb einer Nil-Landschaft oder das strahlende Grün eines Paradiesgartens die Bilder bestimmen. Heute ist Eröffnung.

Er hat 17 Jahre seines Lebens in Rom gelebt. Die zeitlichen Schichtungen vom römischen Imperium bis zur Gegenwart prägten ihn so sehr, dass er sich seitdem mit der Zeit auseinandersetzt, der aktuellen wie der vergangenen. Seine Bilder sind im Hier und Jetzt fotografiert, aber sie lassen sich zeitlich nicht fixieren, weil er auf historische Techniken und Motive zurückgreift. Selbst von der Kunst im goldenen Zeitalter der Niederlande nimmt er seine Anregungen und konkurriert mit den klassischen Meistern der Landschaftsmalerei.

Er habe sich in der Becher-Klasse manchmal „wie ein Exot“ gefühlt, sagt er. Becher habe lange versucht, ihn auf „seine Bahn zu bringen“. Das heißt, ihm die dokumentarische Fotografie nahe zu bringen. Als er merkte, dass sein Student seinen eigenen Weg gehen wolle, habe er dies akzeptiert und ihn sogar zum Tutor gemacht.

Esser betont, er sei der Erste in der Becher-Klasse gewesen, der sein eigenes Gefühl für das Schöne in die Kunst brachte und der auf Erinnerungen an den Vater als Dichter zurückgriff. Er blieb standhaft, als in den 1980er und 1990er Jahren das romantische Gefühl hierzulande nur in ironischen Brechungen erscheinen durfte. „Ich war für viele Kollegen wie der Stachel einer Brombeerhecke“, sagt er. Der Dunst, das atmosphärische Streulicht, die Aufnahme mit dem Restlicht bei Vollmond sind Hilfen für seine ganz besonderen Bilder.

Als ihn die Franzosen fragten, ob er sich um die Normandie kümmern könne, denn es gebe zu wenig zeitgenössische Fotografen, die dies tun, kniete er sich in sein Thema hinein. Ausdrücklich wollte man von ihm auch Fotos von Giverny haben, dem Garten des Malers Monet.

Esser nahm das Angebot unter einer Bedingung an: Er fotografiere im berühmten Seerosen-Park zur Vollmondzeit, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Die Franzosen akzeptierten, und der Düsseldorfer hielt bei seinem nächtlichen Tun die Blende so lange auf, dass seine Abzüge die Spuren des Karpfens im Wasser und den Bogen des Vollmonds im Himmel festhielten.

Drei Jahre später (2013) fotografierte er Ninfa, den „romantischsten Garten der Welt“, wie er sagt, den Garten des Plinius und der aufsteigenden Nymphen. In seiner Kindheit hatte er oft davorgestanden, aber damals war das private Gelände noch nichtöffentlich zugänglich. Heute gehört es zu einer Stiftung.

Nun hat Elger Esser ein Mammutthema parat, für das er mehr als das eine Leben braucht: Er will einen Atlas des unbekannten Frankreich schaffen, ausgenommen sind Paris und Korsika. Er rechnet mit je 20 Aufnahmen pro Departement, macht 1600 Aufnahmen, die er in Heliogravüren verwandeln will, einer Edeldruck-Technik aus dem 19. Jahrhundert. Seit zehn Jahren arbeitet er an diesem Atlas, hat es aber bislang lediglich auf 140 Blätter gebracht, einschließlich Giverny.

Er liebt farbliche Verfremdungen, Retuschen, Sepiatönungen und ein Verfahren, das er sich selbst beigebracht hat: Er beschichtet silbrige Metallplatten mit dünner Lackschicht, druckt die Fotos darauf, die aber nicht in alle Poren eindringen. Die Oxidation ist einkalkuliert. Die hellsten Stellen werden die dunkelsten sein. Wieder ist es so ein Spiel mit der Zeit. Die Platten sehen schon jetzt aus, als hätten sie alte Flecken. Die verschiedenen Epochen sollen in seinen Bildern zusammenfallen.

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