Anton Corbijn: Musik war das größte Ding für mich

Anton Corbijn: Musik war das größte Ding für mich

Das Hamburger Bucerius Kunstforum und der Verlag Schirmer/Mosel widmen dem niederländischen Fotografen eine Schau mit 120 Werken aus 40 Jahren.

Hamburg. Anton Corbijn (Jg. 1955) war von Musik besessen, als er sein erstes Foto als 17-jähriger Gymnasiast auf dem Groninger Grote Markt schoss. Der Junge aus dem Insel-Dorf Strijen bei Rotterdam benutzte Papas Kamera und freute sich, als drei Aufnahmen ins Monatsblatt Muziek Parade gelangten. Heute gilt Corbijn als einer der wichtigsten Porträtfotografen der Bands seiner Generation. Sein großer Fürsprecher, Sammler und Verleger Lothar Schirmer brachte jetzt einen Überblick über seine Kunst in Buchform heraus und sorgte für eine umfangreiche Schau im Bucerius Kunstforum in Hamburg.

Foto: © Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel Verlag

„Musik war das größte Ding für mich“, sagt Corbijn. Aber seine Porträts biedern sich nicht an. Sie sind anders als üblich: schwarz-weiß statt farbig, grobkörnig statt scharf, kontrastreich statt harmonisch und düster statt freundlich. Außerdem nimmt er die Personen in so ungewöhnlichen Perspektiven auf, dass man die Motive kaum erkennt. 1977 fotografierte er Elvis Costello in einem Amsterdamer Hotelzimmer als einen Boy auf dem Hotelbett, auf dem Bauch die Fender-Gitarre und neben sich den Vox-Verstärker. So ein Bild erzählt auch die Geschichte der Aufnahmetechnik und des Typs, den er oft genug wie einen Bürgerschreck zeigt.

Herbert Grönemeyer, Künstler

1979 traf er die englische Post Punk-Gruppe Joy Division und fotografierte sie von hinten, als wollten die Typen nichts von ihm wissen. Nur der Leadsänger Ian Curtis drehte sich um. Berühmt wurde die Aufnahme wenige Monate später nach dem Selbstmord von Curtis. Nun erschien das Foto wie ein Fingerzeig des Schicksals und wurde zur Ikone der Pop-Musik. 27 Jahre später verarbeitete Corbijn das Leben von Curtis im Film, verpfändete zur Deckung der Produktionskosten sein Haus und verlor es. Er verließ London und ging zurück in die Niederlande.

1989 brachte Lothar Schirmer Corbijns Serie „Famouz“ (1974-1988) heraus. Nichts war scharf geschossen. Kein Studio-Blitz, kein Stativ, keine Farbe. Stattdessen oft verschattete, tiefschwarze Partien. Alles schien aus der Hüfte geschossen zu sein, mit einer analogen Hasselblad und einer kleinen leichten Leica. Der jeweilige Musikprofi und der Fotoprofi agierten auf Augenhöhen.

Seit 1979 arbeitete der Fotograf in London für den New Musical Express. 1985 verlor er diesen Job. Der neue Chef fand es unmöglich, dass dieser Fotograf wider alle gängigen Prinzipien der Porträtfotografie handelte und das Gesicht des Porträtierten entweder im Dunkeln ließ oder gar abgewendet oder unscharf zeigte. Aber Corbijn blieb stur. Er imitierte sogar unscharfe Paparazzi-Fotos, um das Image seiner Freunde in scheinbar nebensächlichen Settings einfließen zu lassen.

Für die Serie „Star Trak“ (1989-1999) fotografierte er in Kalifornien außer Musikern auch Filmschauspieler, Regisseure und Models. Der Pfiff der Serie liegt darin, dass ihm sein Drucker ein japanisches Fotopapier empfahl, das mit dem Lith-Entwickler verschiedene Braun- und Schwarztöne erzeugt. Das Porträt von Brian Eno entstand in völliger Dunkelheit, wobei einzelne Partien der Person mit einer Taschenlampe punktuell erleuchtet wurden.

Diese Lith Prints lässt er klein und quadratisch abdrucken und steckt sie in klassische Passepartouts. Der Effekt ist erstaunlich. Der Porträtierte scheint die Enge des Bildes sprengen zu wollen. Der Helldunkel-Kontrast gibt den Bildern eine besondere Energie.

Konsequent entwickelt er seine Technik. In „33 Stillleben“ (1997-1999) machte er scheinbar Paparazzi-Fotos, indem er in seine analoge Kleinbildkamera Polapan-Filme einlegte, die an Polaroids erinnerten, jedoch schwarz-weiß und diapositiv sind. Im Diafilm entstehen Zwischennegative auf Farbfilm, die er mit Blaufilter auf Farbpapier abzieht. Thomas Ruff hätte seine Freude an diesen scheinbar ausgebleichten Farbfotos. In einem merkwürdigen Zwischenreich scheinen die Aufnahmen angesiedelt zu sein.

Seit über 40 Jahren porträtiert er die Größen der Musik, des Theaters, der bildenden Kunst und der Literatur. Dabei macht er die Porträts zum Image der Bands, in der Regel der Post Punk-Bands. Für Dave Gahan, Sänger von Depeche Mode, gestaltet er sogar das Bühnendesign für die Welttourneen. Eddie Vedder, der Sänger von Pearl Jam, erscheint als Silhouette in Surfer-Pose. Herbert Grönemeyer urteilt über den Freund: „Corbijn verleiht einem irgendwie etwas mehr von einem Popstar-Look. Aber nicht auf eine glamouröse, sondern eher auf eine persönliche, intime Weise.“ Grönemeyer tritt für ihn sogar in zwei seiner Filme als Schauspieler auf.

Aber als Sohn eines Pastors stellt Corbijn zugleich die Sinnfrage des Lebens, sind doch viele Freunde aus seiner Generation schon in jungen Jahren gestorben. 1982/83 nimmt er Grabmonumente auf katholischen Friedhöfen auf. 2001/2002 schlüpft er mit Maske und Bühnenkostüm in die Rollen seiner Freunde („a. Somebody“). Sein aktuelles Buch nennt er „The Living and the Dead“, („Die Lebenden und die Toten“). Nun personifiziert er sich in den Gestalten von John Lennon, Frank Zappa, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain. In den Farbfotos (eine Seltenheit für ihn) gehen Porträt und Porträtist eine Einheit ein.

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