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Anselm Grün zu Corona-Krise: „All das Hätte und Wäre bringt nichts“

Interview : Anselm Grün: „All das Hätte und Wäre bringt nichts“

Der Benediktinerpater Anselm Grün über Rituale in der Corona-Krise, den Schmerz der Einsamkeit und das, was die Gesellschaft von Mönchen lernen kann.

Vor 14 Tagen erst ist die Idee für das Buch entstanden. Es basiert auf einem Gespräch zwischen dem Benediktinermönch Anselm Grün und dem Journalisten und Autor Simon Biallowons, Cheflektor des Herder-Verlags. Innerhalb von vier Tagen war das Manuskript abgeschlossen. Das Buch „Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung. So gelingt friedliches Zusammenleben zu Hause“ sucht Antworten auf die Lebensumstände der Corona-Krise in den Erfahrungen der Mönche aus 1500 Jahren Klosterleben.

Pater Anselm, im Januar sind Sie 75 geworden. Haben Sie Angst vor Corona?

Anselm Grün: Nein. Ich versuche Abstand zu halten. Aber ich habe nicht ständig Angst, mich zu infizieren.

Wie schützt sich Ihre Abtei Münsterschwarzach?

Grün: Beim Chorgebet besetzen wir nur jeden zweiten Platz, achten natürlich auch auf das Händewaschen und reduzieren unsere Außenkontakte. Aber sonst leben wir zusammen wie bisher. Unsere Betriebe laufen weiter, allerdings mussten die Schule, das Gästehaus und die Buchhandlung schließen.

Ordensgründer Benedikt nannte Eifer für den Gottesdienst, Bereitschaft zu Gehorsam und die Fähigkeit, Widerwärtiges zu ertragen, als Kriterien für die Aufnahme von Novizen in den Orden. Wie soll uns das heute nützlich sein?

Grün: Die Offenheit für Gott ist eine Hilfe, nicht nur um uns selbst zu kreisen. Wir sind nicht allein, sondern vom Geheimnis umgeben. Und die deutsche Sprache weiß: Daheim kann man nur sein, wo das Geheimnis wohnt. Gehorsam heißt nicht nur, dass ich die Regeln einhalte, die die Regierung vorgibt und die ich für sinnvoll erachte. Gehorsam ist auch die Fähigkeit, sich auf Gemeinschaft einzulassen und auf die anderen zu hören. Und Widerwärtigkeiten zu ertragen, ist nichts Passives. Die Corona-Krise ist von außen über uns eingebrochen. In einer solchen Situation kann ich mich als Opfer fühlen, jammern und dabei depressiv werden. Oder ich reagiere aktiv darauf und mache das Beste daraus.

In Ihrer Abtei leben 80 Mönche zusammen. Wie gehen Sie sich im Alltag aus dem Weg?

Grün: Gott sei Dank hat jeder eine Zelle, ein Zimmer für sich. Das ist auch heilig und ein Zufluchtsort. Normalerweise besuchen wir uns nicht auf den Zellen, sondern haben gemeinsame Gebets- und Essenszeiten. Ich lebe schon seit 56 Jahren im Kloster und in einer solchen Gemeinschaft braucht man ein gutes Verhältnis von Nähe und Distanz. Bei zu viel Nähe geht man sich auf die Nerven, bei zu viel Distanz lebt jeder für sich allein.

Eine Familie, die jetzt unter beengten Verhältnissen den ganzen Tag miteinander aushalten muss, hat diese Möglichkeiten eines Klosters nicht. Wie kann sie sich trotzdem Freiräume schaffen?

Grün: Natürlich ist durch die Krise das normale Verhältnis von Nähe und Distanz durcheinandergeraten. Wichtig ist jetzt eine gute Tagesstruktur, vielleicht mit einer geschützten Schweigezeit, in der jeder für sich sein kann, keinen anderen stört und auch per Handy nicht erreichbar ist. Oder mit einer festgelegten Zeit, in der man allein oder zu zweit nach draußen geht. Spazierengehen ist ja erlaubt. Und auch wenn nicht jeder ein Zimmer hat, ist es wichtig, in der Wohnung Nischen zu finden, in denen ich für mich sein kann.

Sie verwenden in Ihrem Buch das Wort Struktur zusammen mit dem Begriff Form. Ist es also ein Fehler, wenn ich im Homeoffice an der Telefonkonferenz in der Jogginghose teilnehme?

Grün: Formlosigkeit tut den Menschen nicht gut. Gerade wenn die äußere Form durch den Wechsel zwischen Arbeitsplatz und Zuhause nicht mehr vorhanden ist, muss man sich selbst eine Form und Struktur geben, um das Gefühl zu haben: Es ist mein Leben und ich lasse mich jetzt nicht gehen. Denn wenn man sich gehen lässt, hat man auch keine Energie. Man kann vor sich hin trödeln, aber das ist auf Dauer nicht sehr beglückend.

Wenn Menschen dieser Krise etwas Positives abgewinnen wollen, verwenden sie gerne den Begriff der Entschleunigung. Birgt er auch Gefahren?

Grün: Entschleunigung ist in dem Sinn gut, dass Menschen mal mehr Zeit haben und nicht von einem Termin zum anderen hetzen. Aber bei der Arbeit muss ich nicht unbedingt entschleunigen, denn dann habe ich meinen Arbeitsplatz bald verloren.

Sie warnen davor, von Katastrophenmeldung zu Katastrophenmeldung zu hecheln und so die Atemlosigkeit der Krise zur eigenen zu machen. Welche Rituale können dabei helfen?

Grün: Zum einen die Familienrituale wie gemeinsame Mahlzeiten, bei denen man nicht immer nur über die Krise spricht, sondern darüber, wie es in der Familie geht. Oder ich schicke am Morgen beim Aufstehen erst einmal einen Segen in die Welt und habe damit auch mehr Hoffnung für sie. Wir dürfen die Augen vor der Krise und vor dem Leid nicht verschließen, aber wir brauchen auch eine positive Energie. Und am Abend schließe und öffne ich mit einem Ritual eine Tür. Ich muss die ganzen Grübeleien loslassen und in Gottes Hände legen, damit ich ruhig schlafen kann. All das Hätte und Wäre bringt nichts. Den Tag, der hinter uns liegt, können wir nicht mehr ändern. Aber Gott vermag ihn in Segen zu verwandeln.

Sie sind nicht nur ein spiritueller Lehrer, sondern auch Betriebswirt. Verstehen Sie, wenn Selbstständige und Unternehmer vor lauter Sorge um ihre Existenz nicht empfänglich sind für das, was Sie positive Energie nennen?

Grün: Wir müssen die Realität anschauen: Hotels, Restaurants und viele kleine Firmen haben jetzt große Probleme. Aber ich hoffe, dass das Leben wieder weitergehen kann, wenn wir uns eine Zeitlang an diese Beschränkungen halten. Denn auf Dauer kann das Land diesen Zustand nicht aushalten. Daher gehört zur Klugheit auch zu überlegen, wie lange wir das schaffen und wann wir wieder ohne diese großen Einschränkungen leben können. Es geht ja nicht nur um die Firmen, sondern auch um Einzelschicksale. Da gibt es eine große Not.

Sorgen Sie sich um die Zukunft der Wirtschaftsnation Deutschland?

Grün: Es wird eine Rezession geben und die Maßstäbe müssen heruntergeschraubt werden. Aber ich habe schon die Hoffnung, dass wir das schaffen. Wichtig ist, dass es kein Weiter so wie bisher gibt. Die Krise sollte auch zur Nachdenklichkeit führen, an welchen Stellen wir es vielleicht mit unserer Maßlosigkeit übertrieben haben und wie wir achtsamer und effektiver wirtschaften können.

Sie warnen vor Trägheit und Traurigkeit in der Krise. Wie kann man aus diesen Gemütszuständen wieder herausfinden?

Grün: Auf dem Grund der Traurigkeit findet sich oft der infantile Anspruch an das Leben, dass alles immer so weiterläuft. Dieser Anspruch ist jetzt erst einmal durcheinandergeraten. Diese Realität können wir betrauern, was etwas anderes ist als Traurigkeit. Wenn wir etwas betrauern, nehmen wir Abschied von einer Illusion, aber bleiben nicht im Selbstmitleid stecken. Und Trägheit meint die Unfähigkeit, ganz im Augenblick und bei sich zu sein. Man hat keine Lust zu arbeiten, weil es zu anstrengend ist. Man hat keine Lust zu beten, weil es langweilig ist. Man hat noch nicht einmal Lust zum Nichtstun, weil man auch das nicht genießen kann. Darum ist es eine wichtige Mahnung der Mönche zu sagen: Halte dich selber aus, spüre, was dich bewegt und was der Grund deiner Unruhe und deiner Trägheit ist. Das ist eine Chance zur Selbsterkenntnis.

Welche Rolle spielen Ziele dabei?

Grün: Trägheit entsteht, wenn ich nicht akzeptieren kann, dass meine alten Ziele und Träume vorerst nicht erreichbar sind. Aber es geht nicht nur um äußere, sondern auch um innere Ziele, um die Frage, was der Sinn meines Lebens ist, welche Spur ich eingraben möchte. Der Psychotherapeut Viktor Frankl hat gesagt: Nur wer einen Sinn hat, kann eine Krise auch durchstehen. Und er zitiert den Philosophen Friedrich Nietzsche, der sagt: Wer ein Wozu hat, kann fast jedes Wie ertragen.

Selbstgewählte Einsamkeit kann eine gute Erfahrung sein. Aber gerade viele alte Menschen sind als Risikogruppe im Augenblick unfreiwillig einsam. Was raten Sie denen?

Grün: Es ist nicht einfach, keinen Kontakt haben zu können oder nur per Telefon. Das tut weh. Der Psychoanalytiker Peter Schellenbaum sagt, die Kunst des Alleinseins bestehe darin, es in ein All-eins-Sein zu verwandeln. Das heißt zu spüren, dass ich zwar allein bin, aber tief in mir auch eins mit der Familie und eins mit der ganzen Welt. Dann fühle ich mich nicht mehr total vereinsamt, sondern zugehörig zur menschlichen Gemeinschaft. Und auch in der Einsamkeit sind Rituale wichtig, damit ich mich nicht gehen lasse, sondern meinem Leben eine Struktur gebe, in der ich mich daheim fühle.

Sie beschreiben in Ihrem Buch Taiwan als gelungenes Beispiel für den Umgang mit der Krise. Warum?

Grün: Taiwan hat früh genug reagiert und diese Krise mit dem Slogan „Ich schütze mich, um dich zu schützen“ als Herausforderung für eine neue Solidarität gesehen. Dem Pflegepersonal wird zum Beispiel in fast allen Restaurants  20 Prozent Ermäßigung gewährt. Und das Land hat, weil es bei der Quarantäne konsequenter war, den großen Schritt, den wir jetzt gehen, nicht gehen müssen.

Wird unsere Gesellschaft nach der Krise solidarischer oder fragiler sein?

Grün: Ich hoffe, dass sie solidarischer wird. Es kommt ja jetzt beides zum Vorschein: eine neue Solidarität und das egoistische Nur-um-sich-selbst-Kreisen.

Wie sehen Sie dem Osterfest ohne gemeinschaftlich gefeierte Gottesdienste entgegen?

Grün: Wir Mönche feiern natürlich Ostern als Gemeinschaft, allerdings ohne Gäste. Die Übertragungen im Internet können vielleicht mehr Menschen erreichen als die Gottesdienste sonst. Aber die Gemeinschaft fehlt. Das ist eine Not, unter der ich schon leide. Aber Ostern ist ja auch das Fest der Hoffnung, dass der Tod zum Leben und das Scheitern zu einem neuen Anfang verwandelt werden kann.