Alle Jahre wieder im Theater: Weihnachtsmärchen für Kinder

Alle Jahre wieder im Theater: Weihnachtsmärchen für Kinder

Jedes Jahr vor Weihnachten stellen sich die Bühnen ihrem kritischsten Publikum: den Kindern.

Krefeld. Sie kommen so zuverlässig wie Lebkuchen, Lichterketten und „Last Christmas“ im Radio: Nahezu jedes Theater in Deutschland bietet seinen Zuschauern in der Adventszeit ein Weihnachtsmärchen an. In den meisten Städten sind die Stücke Selbstläufer und fast durchweg ausverkauft: Dutzende Vorstellungen mit einer am Ende fünfstelligen Besucherzahl sind keine Seltenheit.

Die Produktionen, die auf Klassiker zurückgreifen oder aktuelle Kinderbuch-Bestseller in bühnengerechte Form gießen, befriedigen die adventliche Sehnsucht nach Freude und Harmonie. „Sie bieten Unterhaltung, Erbauung, Genuss und Glück, ein pralles, sinnliches Erlebnis“, sagt Michael Grosse, Intendant des Gemeinschaftstheaters Krefeld-Mönchengladbach.

Indem sie romantisieren und eine Flucht vom Alltag ermöglichen, unterscheiden sich Weihnachtsstücke vom sonst oft engagierten Jugendtheater. Dort geht es eher darum, aktuelle Probleme zu thematisieren und Sozialkompetenz zu schulen — Futter für „die autonomen Theaterbesucher von morgen“, wie Grosse sagt.

Das Weihnachtsmärchen als singuläres Familien-Event hingegen leistet in dieser Hinsicht einen eher bescheidenen Beitrag: „Es eignet sich nur bedingt als Einstiegsdroge“, sagt der Intendant. Was die Bedeutung keineswegs schmälert. „Es hat für ein Theater einen sehr hohen Stellenwert“, sagt Grosse. „Man hat pro Jahr schließlich nur einen Schuss — und der muss sitzen.“

Was passiert, wenn man mal daneben liegt, musste Grosse in der vergangenen Spielzeit in Krefeld erfahren. „Die Bremer Stadtmusikanten“ fielen bei der Kritik und Teilen des Publikums durch, sie wanderten trotz hoher Produktionskosten gar nicht erst ins zweite Haus nach Gladbach. „Es fehlte an Poesie“, sagt Grosse selbstkritisch. „Die emotionale Ebene war unterbelichtet.“

In diesem Jahr verantwortet der Intendant jedoch zwei Volltreffer: Sowohl „Ronja Räubertochter“ in Gladbach als auch die Kinderoper „Die kleine Seejungfrau Rusalka“ in Krefeld werden es wohl bis Weihnachten auf mehr als 10 000 Besucher bringen. Beide regen die Fantasie an und verleiten zum Träumen — und erfüllen somit die Erwartungen, die eine Familie an ein Erlebnis im Theater knüpft.

Durch den Erfolg „kommt finanziell einiges rein“, wie Grosse verrät, doch andererseits sind Weihnachtsmärchen in der Produktion nicht gerade billig. Neben dem opulenten Bühnenbild schlagen sich vor allem die Gagen für zahlreiche Gäste nieder: „Ich kann dem eigenen Ensemble ja nicht zumuten, nach zwei Vorstellungen Weihnachtsmärchen abends noch Othello zu spielen.“

Auch in Wuppertal sind fünf der sieben Schauspieler, die „Der kleine Vampir“ auf die Bühnen des Schauspiel- und des Opernhauses bringen, Externe. Trotzdem seien die Produktionskosten hier nicht höher als bei anderen Stücken, erklärt Enno Schaarwächter, Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen. Rund 60 000 Euro habe die Produktion des Familienstücks gekostet. Das vorweihnachtliche Theaterfieber der jüngeren Generation wird sich damit auch hier unter dem Strich lohnen. Schaarwächter sagt: „Wir werden sicher bis Weihnachten die 10 000 Besucher-Marke knacken.“

Ob ein Stück es schafft, wissen die Theatermacher meist schon während der Premiere. Grosse: „Kinder sind das kritischste, aber auch das unkomplizierteste Publikum. Sie wahren nicht die Contenance, ihre Begeisterung ist total — aber auch ihre Ablehnung.“ Das bekommen böse Hexen und fiese Räuber regelmäßig zu spüren, wenn sie am Ende ausgebuht werden — trotz oder vielmehr wegen ihrer guten Leistung.

Mehr von Westdeutsche Zeitung