Drittes Soloalbum: Adel Tawil übt auf „Alles lebt“ Gesellschaftskritik

Drittes Soloalbum : Adel Tawil übt auf „Alles lebt“ Gesellschaftskritik

Vom Boyband-Sänger zum gesellschaftskritischen Songwriter: Adel Tawil ist aus der deutschen Pop-Szene nicht mehr wegzudenken. Auf seinem neuen Album „Alles lebt“ singt der 40-Jährige über Rassismus, Atomkraft - und seine Rolle als Vater.

Noch als Teenager wurde Tawil Ende der 90er Jahre Teil der Jungs-Band The Boyz, die mit Songs wie „One Minute“ und „Round&Round“ Charterfolge feierte. 2003 gründete er dann zusammen mit der früheren Ideal-Sängerin Annette Humpe das Duo Ich&Ich. Mit ihren emotionalen und träumerischen Popsongs („Vom selben Stern“, „Stark“, „Pflaster“) verkauften die beiden Millionen Platten. 2010 verabschiedete sich das Duo in eine Kreativpause, die bis heute anhält.

Drei Jahre später, mit 35, versuchte sich Songwriter Tawil dann am ersten eigenen Album „Lieder“, das bis auf Platz vier der Charts kletterte. Der Nachfolger „So schön anders“ schaffte es 2017 sogar auf den Spitzenplatz.

Auf den 14 Liedern seines dritten Albums (BMG) pendelt der 40-Jährige erneut zwischen Pop und urbanem R&B-Sound, zwischen seichten Partysongs und ernsthafter Gesellschaftskritik. Das chillige Sommerlied „Hawaii“, eine Kollaboration mit dem Rapper Bausa („Was du Liebe nennst“), und die Ohrwurm-Single „Tu m'appelles“ sind eher was zum Mittanzen. Andere Tracks regen zum Nachdenken an.

In „Atombombe“ berichtet Tawil über einen Atomalarm auf Hawaii, den er vor einiger Zeit miterlebte. In „Katsching“, dessen Name sich wie Shania Twains Hit aus dem Jahr 2002 vom Klang einer alten Registrierkasse ableitet, kritisiert der Musiker die rücksichtslose Gewinnmaximierung von Großkonzernen - und unseren Kaufwahn. „Wir laufen durch ein Wunderland, in dem man alles kaufen kann. Wir tanzen mit dem Teufel, und er lacht uns dabei an.“

Der Song, der viele Zuhörer wohl am nachdenklichsten stimmen wird, ist die Ballade „Wohin soll ich gehen“, die die gesellschaftlich aufgeheizte Stimmung und rechte Tendenzen in Deutschland thematisiert. „Der Wind hat sich gedreht und durch die Stadt gefegt. Frag mich, wohin er weht. Ist es für mich zu spät? Wo soll ich hingehen?“, fragt sich Adel Salah Mahmoud Eid El-Tawil, der Sohn von Migranten aus Ägypten und Tunesien.

„Ich bin hier geboren. War dein glücklichstes Kind. Jetzt wird meine Schwester in der Bahn beschimpft“ - der Sänger formuliert Gedanken an sein Land, die wohl viele Deutsche mit ausländischen Wurzeln derzeit haben. Aber der Produzent bleibt kämpferisch und standhaft. „In Dresden bleib ich gerne zwei Tage länger. Ich lass mich nicht kleinkriegen von den Gespenstern. Ich werd nirgendwo hingehen...Weil du mein Zuhause bist.“

Und das neue Tawil-Album hat noch mehr Persönliches zu bieten. Der Musiker singt auf seiner dritten Platte erstmals über seine Vaterrolle. Die bereits ausgekoppelte Single „Neues Ich“ beginnt mit ruhigem Klavier und Babygeschrei. „Leben macht wieder Sinn, du bist mein Hauptgewinn, mit dir freu ich mich auf jeden Tag“, singt Tawil in Richtung seines Nachwuchses.

Der Berliner, der sein Privatleben in der Regel geheim hält, hatte vor wenigen Monaten erstmals berichtet, dass er schon vor längerer Zeit Vater geworden sei - konkreter wurde er bislang nicht. „Das Leben hat jetzt für mich einen anderen Drive bekommen, auch einen anderen Sinn“, sagte er kürzlich der Musikzeitschrift „Schall“. „Vatersein heißt jetzt, ein bisschen mehr Demut und Ehrfurcht vor dem Leben, vor der Welt zu haben.“

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