Ewald Lienen bei der Lit.Cologne

Ewald Lienen bei der Lit.Cologne : Ewald Lienen – das Herz schlägt links

333 Spiele absolvierte Ewald Lienen in der Bundesliga, ehe er Trainer wurde. Auf der Lit.Cologne stellte „Zettel-Ewald“ jetzt sein Buch „Ich war schon immer ein Rebell“ vor.

. In der Stadthalle ist kein Platz mehr frei. Die Lit.Cologne findet in diesem Jahr zum 19. Mal statt. Für Bücherfreunde ein Pflichttermin. Für Ewald Lienen ist es eine Premiere, weil er erstmals ein Buch vorstellt. Sein Buch. „Ich war schon immer ein Rebell“ lautet der Titel, geschrieben hat er es mit seiner Frau Rosa, der er es auch gewidmet hat. Die beiden haben sich damals kennengelernt, als Rosa als Erzieherin in Bielefeld behinderte Kinder betreut hat. Ewald Lienen, Kriegsdienstverweigerer, absolvierte in Bielefeld damals seinen Zivildienst. Es war in mehrfacher Hinsicht eine schicksalhafte Begegnung. „Ich bin Kriegsdienstverweigerer, ich weiß, wie das ist, wenn das Gewissen überprüft wurde damals.“ Es war die Zeit, als Lienen engagiert politisch wurde.

Den Kölner Musiker Wolfgang Niedecken hat Ewald Lienen schon 1986 in Köln kennengelernt. Sie kannten sich also schon lange, bevor Lienen Trainer des 1. FC Köln wurde. Und den Club in die Bundesliga zurückführte. „Die Zeit in Köln war die schönste in meiner Trainerkarriere.“ Niedecken und Lienen sahen sich häufig, nicht nur beim Fußball. „Ich erinnere mich an eine Autofahrt nach einem Spiel. Schweigend. Irgendwann sagte Ewald, Trainer ist eigentlich ein ganz toller Beruf. Dann sagte er lange nichts. Und dann: Wenn man gewinnt. Hat sich eingeprägt bei mir.“

In Mülheim lässt der Trainer den Musiker trotzdem kaum zu Wort kommen. Weil Lienen immer viel zu erzählen hat. Er war immer der ganz andere Profi, der Linksaußen, der Querdenker. Lienen stritt über Kindererziehung, Waffenexporte, den Hunger in der Welt, die Klimakatastrophe, die Kommerzialisierung des Fußballs, die Exzesse bei Gehältern und Transfers: „Wir sind dabei, den Fußball zu überhöhen, die aktuelle Entwicklung ist gefährlich.“

Viele kannten und kennen ihn nicht nur als Fußballer, auch als politischen Aktivisten, als Kandidat der Friedensliste. Karl Allgöwer unterschrieb sofort, Benno Möhlmann auch, andere Profis ließen sich Zeit, wieder andere verweigerten sich, im Fußball hatte  er nie nur Freunde. Das genaue Gegenteil von Lienen war immer Berti Vogts. Weil Berti Vogts bei Borussia Mönchengladbach den Ton angab, war das anfangs schwierig, weil Lienen als einer der wenigen seine Meinung immer offensiv vortrug, ohne Rücksicht auf Verluste, aber eben auch ein richtig guter Kicker war. Sie haben sich am Ende akzeptiert, Vertreter politischer Lager, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der frühere Linksaußen ist seiner politischen Richtung immer treu geblieben. Links schlägt das Herz.

Lienen war immer streitbar, das machte ihn aus, für viele ist er das Gewissen des Profifußballs, ein Mahner. Aktuell ist er Technischer Direktor beim Zweitligisten FC St. Pauli, weil in dem Club „Werte vertreten und gelebt werden, die auch meine sind“. Lienen ist 65, fährt immer noch aus der Haut, wenn ihm irgendetwas nicht passt, aber ruhiger ist er trotzdem geworden. Heute sagt er: „Es ist der Sinn des Lebens, an sich zu arbeiten und sich  weiterzuentwickeln. Und es ist das Vorrecht der Jugend, die Dinge extremer zu sehen.“

Fast so eine Art Hassliebe
verbindet ihn mit dem Fußball

Fast ist es so etwas wie Hassliebe, was ihn mit dem Fußball verbindet, der Sport ist es, den er liebt, aber es regt ihn auf, was andere daraus machen. Als er noch mit wehendem langen Haar „die Linie rauf und runter rannte, ich war immer schnell, aber dennoch musste ich immer aufpassen, wenn die Hammerwerfer in den Defensivreihen die Sense auspackten, das waren die Zeiten, als ein Menschenleben auf dem Fußballplatz noch nichts galt“. Der Saal tobt. Eine Szene geht den Menschen nie aus dem Kopf. Im August 1981, Arminia Bielefeld spielt bei Werder Bremen. Lienens Gegenspieler ist Norbert Siegmann, vorher von Otto Rehhagel wegen wichtiger Instruktionen an die Außenlinie beordert. Dann knallt Rehhagels Faust in die Hand, jeder hat es gesehen und verstanden, Siegmann wusste, was von ihm verlangt wurde. Bei der üblen Grätsche graben sich seine Stollen in Lienens Oberschenkel. „25 Zentimeter lang“, sagt Lienen in Köln. Lienen hob die Faust und beschimpfte Rehhagel als Provokateur. Es hat Jahre gedauert, bis sie sich wieder vertragen haben.

333 Spiele absolvierte Lienen in der Bundesliga, er war schon über 38 Jahre alt, als er sein letztes Spiel beim MSV Duisburg absolvierte und Trainer wurde. Lienen arbeitete in Spanien, in Griechenland, in Rumänien, letzte Station war der FC St. Pauli, mit dem er gerne nochmals in die Bundesliga aufgestiegen wäre. Eigentlich wollte er Hochschullehrer werden, aber als er sein Studium in Düsseldorf wieder aufnahm und die Studenten 18 und er schon weit über 30 war, „da habe ich zu Rosi gesagt, das macht keinen Sinn, man kann auch ohne Universität  glücklich werden“.

1979 gewann er mit Borussia Mönchengladbach den Uefa Cup. Dass er  wegen einer Demonstration auch schon einmal ein Training bei Hennes Weisweiler vepasste, „ist aber blühender Unsinn, der hätte mich einen Kopf kürzer gemacht“. Lienen wurde später selbst  als Trainer auch fuchsteufelswild, wenn einer seiner Profis nicht pünktlich auflief. Früher verweigerte Lienen Autogramme. „Meine Unterschrift ist nicht mehr wert als deine“, beschied er seinen Fans. Das hat sich geändert, bis tief in die Nacht schreibt Lienen in Köln Widmungen in sein Buch. „Das ist doch etwas anderes“, sagt er. Und hält sein Buch mit Stolz in den Händen. Es ist ihm wichtig, er hat es lange mit sich herumgetragen. Und im Grunde wollte er sich nie dabei helfen lassen. „In der Schule war ich ein Streber, wollte immer der beste sein. Alles habe ich aufgeschrieben, alles, ich bin ein visueller Mensch. Sonst hätte ich es vergessen.“ So hielt er es auch als Trainer, der „Zettel-Ewald“.

Ewald Lienens Buch ist nicht nur ein Buch über den Fußball und ihn, es ist ein Sittengemälde eines halben Jahrhunderts in Deutschland.  Als Moderator Christoph Biermann in der Stadthalle die Veranstaltung „abpfeift“, stehen sie auf und klatschen minutenlang. Auch Christoph Daum.

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