Such-Trends: Mit Google & Co. in die Köpfe gucken

Such-Trends: Mit Google & Co. in die Köpfe gucken

Berlin/Hamburg (dpa) - Um etwas über die Menschen von früher zu erfahren, graben Archäologen im Boden und Historiker enträtseln alte Schriften. Um etwas über die Menschen von heute zu erfahren, reicht ein Blick auf die Knotenpunkte des Internets: die Suchmaschinen.

Millionen Menschen in Deutschland nutzen jeden Tag Angebote wie google.de, um das zu finden, was sie interessiert. Jede ihrer Suchen wird protokolliert. Wer sucht was wie oft und surft wohin? Dieses Wissen ist eine Grundlage für das, was Suchmaschinen vorschlagen. Jetzt zum Jahresende haben sie wieder ihre Top-Suchen veröffentlicht.

Laut Google - mit einem Suchmaschinen-Marktanteil von 90 Prozent in Deutschland - schaut die Bestenliste so aus: Das Online-Netzwerk Facebook liegt vor dem Video-Portal YouTube. Berlin belegt Rang drei, gefolgt vom Online-Marktplatz eBay. Google-Nutzer wollen also meist Orientierung im Netz selber - der Fachbegriff heißt Navigationssuche.

Auch bei den zweitgrößten Suchmaschinen in Deutschland, Yahoo und Bing, gibt es keine großen Überraschungen: Routenplaner, Wetter und Telefonbuch liegen bei Yahoo dies Jahr vorne. Bei Bing sind es - fast wie bei Google - die Navigationssuchen Facebook, YouTube, eBay.

Doch diese Listen seien nicht viel wert, sagt Nadine Höchstötter. Die Wissenschaftlerin hat ihre Doktorarbeit über das Suchverhalten im Internet geschrieben und arbeitet bei webscout.de, einem Spezialisten für die Welt der Suchmaschinen. Es sei üblich und bekannt, dass die Listen der angeblichen Top-Suchbegriffe kräftig überarbeitet werden.

„Der Top-Suchbegriff aller großen Suchmaschinen beginnt mit S, hat in der Mitte ein e und endet auf x“, sagt Höchstötter. Google und Co. würden Erotik und Pornografie herausrechnen, bevor sie die Listen der Top-Suchen bekanntgeben. Auch das Thema Gewalt werde entfernt.

Viel interessanter sind für Höchstötter und ihre Branche Suchen, die eine Konjunktur erfahren. Als Beispiel nennt sie die Suche nach dem Wort „Frieden“. Mit dem Google-Service „Insights for Search“ (Einblicke in die Suche) lässt sich das Suchaufkommen des Begriffes für verschiedene Regionen und Zeiträume als Grafik veranschaulichen.

Das Verblüffende: Anfang 2008 explodierte das Suchvolumen. „Die Erklärung ist ziemlich banal“, sagt Höchstötter. Das ZDF brachte im Januar die Verfilmung des Tolstoi-Klassikers „Krieg und Frieden“.

Ein anderes Beispiel: Wer die Suchbegriffe „Gott“ und „Teufel“ vergleicht, erhält in der Grafik zwei Kurven, die sich sehr ähneln. Nur eine Abweichung sticht heraus: Im Oktober 2006 schlug „Teufel“ die Suche nach „Gott“ haushoch. Höchstötters Erklärung: „In genau diesem Monat startete der Kinofilm "Der Teufel trägt Prada".“

„Suchmaschinen zeigen, wie wir wirklich ticken“ sagt die Expertin. Die Beispiele „Teufel“ und „Frieden“ belegten, wie stark Medien das Suchverhalten beeinflussten - die Berichterstattung sei ursächlich. „Es heißt oft, Google selbst habe so viel Macht. Aber in diesem Fall dokumentiert Google nur, welche Macht die Medien auf uns haben.“

Höchstötter berichtet auch, dass Wissen über Suchanfragen-Trends Geld wert sein kann. So suchten plötzlich Hunderttausende Menschen in den USA Anfang 2009 im Internet nach „worms in the brain“ (Würmer im Gehirn). Auslöser war eine Folge der US-Arztserie „Grey's Anatomy“, die Parasiten im Hirn thematisierte. Wenige Monate später zeigte sich im deutschen Netz genau dasselbe Bild für die Suche „Würmer im Gehirn“ - denn zu diesem Zeitpunkt lief die Serie auch hierzulande.

„Bei solchen Ereignissen wird es für Unternehmen interessant“, sagt Höchstötter. „Die Frage ist, ob ich die Trends vorhersehe und sie für den eigenen Vorteil nutzen kann.“ Beim Beispiel der Würmer hätte es sich angeboten, entsprechende Informationen gezielt vor der Ausstrahlung der deutschen Grey's-Anatomy-Folge im Netz zu platzieren und mit eigener Werbung zu verbinden. Diese Marketingkampagne hätte dann nur noch auf den Ansturm der Suchanfragen warten müssen.

Prof. Dirk Lewandowski, Suchmaschinen-Forscher von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, sieht in der Analyse von Suchanfragen generell einen Zukunftsmarkt. An „Demand Media“ sei das längst erkennbar. Das Prinzip dabei: Lange Suchmaschinenanfragen vorherzusehen und mit Webinhalten zu beantworten. „Das bekannteste Beispiel ist wohl ehow.com“, sagt Lewandowski. Die Seite aus den USA gibt Antworten auf fast alles, meist mit Video-Anleitung. Wer auf Englisch etwa „Wie wechsele ich das Motoröl“ sucht, erhält als ersten Google-Treffer die ehow-Seite - dort wartet ein Video, samt Werbung.

Dieses Vorhersehen und Nutzen von Interesse im Netz wird laut Höchstötter schon bald zu einem etablierten Geschäftsfeld werden. Nur begrenzt seien dabei „Eintagsfliegen“ wie die Würmer im Gehirn zu nutzen. Das Interesse müsse länger anhalten. Ihre Prognose für die Impulse des nächsten Jahres: Das Themenfeld um Wikileaks-Gründer Julian Assange, der Begriff Cyberwar und Sherlock Holmes, den die ARD als neue Serie bringt. Und Sex bleibe an Nummer eins - keine Frage.