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Hype oder heiße Luft?: So spielt sich „Cyberpunk 2077“

Hype oder heiße Luft? : So spielt sich „Cyberpunk 2077“

„Die nächste Generation des Open-World-Abenteuers“ - so hat das polnische Entwicklerstudio CD Projekt Red „Cyberpunk 2077“ angekündigt. Und genau das erwarten viele Fans, die dem neuen Spiel der Macher von „The Witcher“ seit Jahren sehnsüchtig entgegenfiebern.

Kann ein Spiel solche Erwartungen überhaupt erfüllen? Die Antwort lautet: Eher nicht - zumindest nicht zu Beginn. Denn während viele Kritiken der Fachpresse eher positiv ausfielen, waren die sozialen Medien noch in der Release-Nacht voll von Aufnahmen diverser Spielfehler. Gerade auf den Konsolen der letzten Generation, also Playstation 4 und Xbox One, berichteten Spielerinnen und Spieler von Abstürzen und unzähligen Grafikfehlern.

Die Sony-Tochter Sony Interactive Entertainment hat nun Konsequenzen gezogen und „Cyberpunk 2077“ bis auf weiteres aus dem Playstation Store entfernt. Man biete ab sofort allen Spielern, die „Cyberpunk 2077“ im Playstation Store bereits gekauft haben, eine vollständige Rückerstattung an, teilte das Unternehmen mit.

Bugs schmälern den Spielspaß

Doch nicht nur die betagteren Konsolen haben mit dem ambitionierten Spiel Probleme. Auch im Test auf dem PC gab es immer wieder kleinere und größere Probleme, die das Erlebnis schmälern. Darunter etwa in der Luft hängende Gegenstände, im Kreis laufende Charaktere, Grafik-Stotterer oder Aufträge, die sich nicht abschließen lassen.

Überraschend ist das einerseits, weil die Veröffentlichung mehrfach verschoben wurde - ursprünglich war ein Release für April 2020 angekündigt. Andererseits mussten die Angestellten von CD Projekt Red zuletzt sogar Pflicht-Überstunden schieben. Die Folge war erneut eine große Diskussion über die Arbeitsbedingungen in der Gaming-Industrie.

Die aktuelle Verfassung des Spiels will also nicht so recht zur Entwickler-Ankündigung „Wir veröffentlichen, wenn das Spiel fertig ist“ passen - umso größer die Enttäuschung bei vielen Fans.

Nun folgt also - kurz vor Weihnachten - erstmal die Herausnahme aus dem Playstation Store. Disc-Versionen aus dem Handel sind weiter erhältlich und funktionieren wie gewohnt. Immerhin ist davon auszugehen, dass Bugs in den kommenden Wochen und Monaten laufend mit Updates behoben werden. So war es auch bei „The Witcher 3“, dem letzten großen Spiel der Entwickler, das zum Start ebenfalls alles andere als fehlerfrei war. Auch für die Playstation-Version von „Cyberpunk“ soll es nach Angaben von CD Projekt weiter Patches geben.

Viele kleine Fehler - und große Ambitionen

Der technische Zustand dieses Spiels kann also vor allem mit einem Wort beschrieben werden: schade. Denn klammert man die Bugs aus, ist „Cyberpunk 2077“ ein gigantisches Spiel, das den Spielenden enorme Freiheiten lässt und riesige Ambitionen hat.

Das beginnt bereits bei der Charaktererstellung. Der Hauptcharakter, schlicht V genannt, lässt sich komplett selbst gestalten - angefangen bei Haar- und Hautfarbe, über Gesichtszüge und sichtbare Cyber-Implantate bis hin zum Geschlechtsteil. Ob V eine weibliche oder männliche Stimme hat, lässt sich unabhängig davon wählen. Die Stimme - nicht das Geschlechtsteil - bestimmt auch darüber, ob V von anderen Charakteren als männlich oder weiblich angesprochen wird.

Ebenfalls eingestellt werden können verschiedene Eigenschaften von V. Auf fünf Attribute wie Intelligenz oder Coolness verteilen die Spielenden Punkte, die dann später den Spielablauf beeinflussen. Wer sehr cool ist, kann beispielsweise gut schleichen. Daran hängen dann auch weitere Talente, die V das Leben erleichtern. Das bietet jede Menge Möglichkeiten - kann zu Beginn jedoch überfordern.

Kleinkriminelle in der Unterwelt

Wirklich frei sind die Spielenden auch darin, sich die Aufgaben zu suchen. V ist eine Art Kleinkriminelle, die von sogenannten Fixern Aufträge bekommt. Zwar gibt es eine Haupt-Geschichte, in der es um den von Keanu Reeves („Matrix“, „John Wick“) gespielten Rockstar - und Terroristen - Johnny Silverhand und einen ominösen Biochip geht. Doch das Spiel lebt noch mehr von seiner überwältigenden Anzahl an Mini-Aufgaben und Nebenquests, die überall in der Welt verteilt sind.

Schon bei einer kleinen Spritztour mit Auto oder Motorrad füllt sich die Karte mit kleinen Symbolen, die besucht werden wollen. Diese Welt, die Stadt Night City, ist der eigentliche Star von „Cyberpunk 2077“. An jeder Ecke wirkt die Metropole belebt und authentisch. Sie ist voll von Neonlicht und aufdringlicher Werbung, Mega-Konzernen und Straßengangs, Luxushotels und Underground-Clubs. Und auch, wenn es Night City heißt, scheint hier tagsüber die Sonne. Manchmal regnet es auch - für Kalifornien, wo die Stadt liegt, vielleicht etwas zu oft.

Ultra-kapitalistische Parallelwelt

Das kann auch damit zusammenhängen, dass „Cyberpunk“ in einem Parallel-Universum spielt, das in den 1980ern entwickelt wurde. Hier gibt es die Sowjetunion noch, Japan hat enormen wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss und die Welt befindet sich in einer Art Endzeit-Kapitalismus, in der alles vermarktet wird und Konzerne über dem Staat stehen.

Manche Themen des Spiels wirken deshalb auch etwas altbacken. Und vielleicht ist auch der Klimawandel ein geringeres Problem als in unserer Zukunft. Zur düsteren Stimmung passt der Regen - und das Neonlicht, das sich in seinen Pfützen spiegelt - auf jeden Fall.

Damit ist man auch wieder bei der Technik angelangt: Wenn „Cyberpunk“ funktioniert, sieht es fantastisch aus, zumindest auf einem leistungsstarken PC. Zu Beginn gibt es eine Sequenz, die einer Film-Montage ähnelt und die Gangster-Karriere von V mit ihrem Partner Jackie zwischen Nachtclubs und Überfällen zeigt - technisch wie inhaltlich ein kleines Meisterwerk. Auch das Sound-Design, die Musik, die Sprecherinnen und Sprecher sowie die deutsche Übersetzung: Alles hat höchstes Nivea.

Viele Wege zum Ziel

Spielerisch gibt es aber kaum Innovationen, beim Spielfluss liegt „Cyberpunk“ irgendwo zwischen „Skyrim“ und „Grand Theft Auto“, die Aufträge erinnern dazu an „Deus Ex“ und „Watch Dogs“. Oft führen viele Wege ans Ziel, um eine Mission zu erledigen: Ein Lager voller Gegner lässt sich hackend erobern und auseinandernehmen, heimlich infiltrieren oder mit roher Gewalt in Grund und Boden ballern.

Positiv: Oft haben scheinbar kleine Entscheidungen der Spielenden später Auswirkungen, die den Spielverlauf und sogar das Ende der Hauptgeschichte stark beeinflussen können. Das animiert dazu, „Cyberpunk“ nicht nur einmal durchzuspielen. Wobei schon ein einziger Durchgang mehrere Dutzend Stunden dauern dürfte.

Eine echte Enttäuschung ist „Cyberpunk 2077“ also nicht, auch wenn der Hype darum übertrieben scheint. Die düstere Verbrecherballade ist eine intensive Erfahrung, die vor allem bei der Spielwelt höchstes Niveau erreicht, anderswo jedoch nur solides Handwerk abliefert. Wer mit dem Spielen noch etwas wartet, verpasst also nichts - und wird für seine Geduld hoffentlich mit einem fehlerfreien Spielerlebnis belohnt.

Bericht über Arbeitsbedingungen bei bloomberg.com

Cyberpunk.net

Mitteilung von Sony

© dpa-infocom, dpa:201211-99-652176/3