Neue Chefin soll HP aus dem Schlamassel holen

Neue Chefin soll HP aus dem Schlamassel holen

Palo Alto (dpa) - Die ehemalige Ebay-Lenkerin Meg Whitman soll den Absturz des weltgrößten Computerherstellers Hewlett-Packard bremsen. Sie übernimmt den Chefposten vom glücklosen deutschen Topmanager Léo Apotheker, der nach nicht einmal einem Jahr an der Spitze des US-Konzerns abdanken muss.

Der Verwaltungsrat wirft dem bereits bei SAP gescheiterten Apotheker Versagen vor. Whitman soll nun das verloren gegangene Vertrauen der Kunden und Aktionäre zurückgewinnen. „Wir werden alles Nötige unternehmen, um HP wieder in die Spur zu bringen“, sagte Whitman am Donnerstag in einer Telefonkonferenz kurz nach Bekanntgabe des Wechsels. Die 55-Jährige stellte jedoch im gleichen Atemzug klar, dass sie weder den umstrittenen 10-Milliarden-Dollar-Kauf des britischen Softwarehauses Autonomy stoppen wird, noch dass die mögliche Abspaltung des PC-Geschäfts automatisch vom Tisch ist.

Das kam bei vielen Anlegern gar nicht gut an. Sie hatten gehofft, dass Whitman den von Apotheker begonnenen und vom Verwaltungsrat mitgetragenen Schwenk von der Hardware in Richtung Software beendet. Sie stehe hinter den getroffenen Entscheidungen, sagte Whitman, die selbst seit acht Monaten in dem wichtigsten Firmengremium sitzt. Die ohnehin gebeutelte Aktie fiel am Freitag im frühen New Yorker Handel um mehr als 4 Prozent.

Der Schlingerkurs habe viele Kunden verschreckt, heißt es in der Branche. Vor allem Firmenkunden wollen sicher sein, dass sie beim Computerkauf auch noch in Jahren zuverlässige Wartung bekommen. Whitman versicherte, dass spätestens bis zum Jahresende eine Entscheidung darüber gefällt wird, ob die wichtige PC-Sparte im Konzern verbleibt oder herausgelöst wird.

Whitman ist ein Neuling in der Computerbranche. Die Managerin hat sich ihre Sporen vor allem beim Online-Auktionshaus Ebay verdient, das sie binnen zehn Jahren von einem Mittelständler zu einem Weltkonzern ausbaute. Danach versuchte sie sich in der Politik und stellte sich als Gouverneurin von Kalifornien zur Wahl. Hier scheiterte Whitman allerdings.

Kritiker zweifeln daran, dass es der fachfremden Managerin gelingen wird, den kriselnden Riesen HP in den Griff zu kriegen. Der Verwaltungsratsvorsitzende Ray Lane verteidigte die Wahl: „Ich habe Meg dabei beobachtet, wie rasch sie Entscheidungen trifft.“ Zudem kenne sie Hewlett-Packard seit Ebay-Zeiten, wenn auch damals aus Kundensicht. Zur Sicherheit will Lane - eigentlich oberster Kontrolleur - selbst eine aktivere Rolle im Management übernehmen.

Das Führungsgremium hatte Apotheker binnen weniger Tage abgesägt, nachdem es seinen Kurs zuvor mitgetragen hatte. „Das Vertrauen der Investoren in den Verwaltungsrat ist schwach“, sagte ein Analyst in der Telefonkonferenz. Gleich dreimal musste Apotheker die Prognose zurücknehmen. Zuletzt stagnierte der Umsatz nahezu bei rund 31 Milliarden Dollar im Quartal - was allerdings auch auf die sich abkühlende Wirtschaft zurückzuführen ist.

Finanzchefin Cathie Lesjak räumte ein, dass auch das laufende Quartal nicht gerade blendend läuft: Vor allem in Europa hielten sich die Kunden zurück, sagte sie. Nach Lesjaks Worten wird es schwer, den anvisierten Umsatz zu erzielen.

Apotheker bekam zum Abschied zwar die obligatorischen Dankesworte mit auf den Weg. Chefkontrolleur Lane kritisierte den Topmanager aber in der anschließenden Telefonkonferenz ungewohnt offen: Er warf ihm mangelnden Teamgeist, zu wenig Einarbeitung ins Unternehmen und eine schlechte Kommunikation der Entscheidungen nach Außen vor. Eigene Fehler verneinte Lane: „Wir treffen Entscheidungen sorgfältig.“

Apotheker hatte am 1. November vergangenen Jahres das Ruder bei HP übernommen. Seit er an der Spitze steht, verlor die HP-Aktie fast die Hälfte ihres Werts. Momentan ist der Konzern noch 45 Milliarden Dollar wert. Zum Vergleich: Apple kommt auf rund 370 Milliarden Dollar, IBM auf rund 200 Milliarden Dollar.

Für Apotheker ist es schon der zweite Tiefschlag in Folge. Bei SAP hatte er den Spitzenposten nach Differenzen mit Gründer Hasso Plattner ebenfalls nach weniger als einem Jahr als alleiniger Firmenchef räumen müssen. Ehemalige Mitarbeiter sagen Apotheker einen schroffen Führungsstil nach.

Aber auch Nachfolgerin Whitman soll kein einfacher Charakter sein. Mitarbeiter, Kunden und Investoren werden bald ihre eigenen Erfahrungen machen können. „Ich werde mich mit vielen von Ihnen in den nächsten Monaten treffen“, versprach Whitman.

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