Aufnahmen mit der Kamera-Automatik

Aufnahmen mit der Kamera-Automatik

Berlin (dpa/tmn) - Chips in der Kamera nehmen dem Hobbyfotografen viel Arbeit ab. Sie berechnen die optimalen Belichtungswerte, erkennen Gesichter und stimmen den Farbton darauf ab. Aber manchmal sind manuelle Einstellungen doch besser als die intelligenteste Automatik.

Ältere Fotografen erinnern sich noch gut an die Zeit, als sie vor jeder Aufnahme erst einmal den Belichtungsmesser ablesen mussten. Danach galt es zu entscheiden, ob die Kamera bei Blende 2,8 mit 1/500 Sekunde oder bei Blende 11 mit 1/30 Sekunden auslösen sollte - oder irgendwo dazwischen. Diese Entscheidung trifft inzwischen in nahezu allen Fällen die Kamera - sie muss aber nicht immer richtig sein.

Einschalten und auslösen, das geht mit der teuren Spiegelreflex- oder Systemkamera ebenso unkompliziert wie mit der einfachen Kompaktkamera. Der Trend geht überall zu möglichst einfacher Bedienung. Selbst bei Modellen mit anspruchsvoller Kameratechnik geht der Trend dahin, die Bedienelemente drastisch zu reduzieren. Wer sich nicht mit Weißabgleich, ISO-Werten oder manuellem Fokus abgeben will, kann dies getrost ignorieren.

Wann ist es sinnvoll, sich auf die Automatik zu verlassen? Christoph Künne von „DOCMA - Doc Baumanns Magazin für Digitale Bildbearbeitung“ antwortet: „In 95 Prozent aller Amateur-Fälle: Bei Schnappschüssen, bei geblitzten Aufnahmen und bei allen Aufnahmen, bei denen es auf schnelles Reagieren ankommt.“ Bei schwierigen Lichtverhältnissen wie Gegenlicht, starkem Sonnenschein oder in der sogenannten blauen Stunde kurz vor Sonnenuntergang werde von ambitionierten Fotografen aber die manuelle Belichtung bevorzugt, erklärt der Fotografie-Experte.

Im Fotografieforum www.nikonpoint.de ist als Faustregel für die Entscheidung zwischen Automatik und manuellen Einstellungen zu lesen: „Extreme Lichtsituationen erfordern Korrekturen, normale Situationen aber funktionieren mit normal arbeitender Automatik ganz gut.“

Ein Beispiel dafür ist eine Szene am Brandenburger Tor, kurz vor Mitternacht: Trotz spärlichen Lichts kommt eine spiegellose Systemkamera gut mit den Verhältnissen zurecht. Mit eingeschalteter Automatik gibt sie die Nachtstimmung mit dem warm angestrahlten Gebäude und dem kalten Laternenlicht gut wieder. Selbst das gefürchtete Bildrauschen macht sich kaum bemerkbar.

Die Kamera ermittelt hier den besten Kompromiss, einer speziellen Aufnahmesituation kann sie aber nicht immer gerecht werden. Sie kann zum Beispiel nicht wissen, welche Bildbereiche der Fotograf scharf abbilden möchte. Das sind in diesem Fall eine etwa fünf Meter entfernte Gruppe von Personen auf einem Bier-Bike, aber auch das Brandenburger Tor in gut 50 Metern Entfernung.

Also ran an die manuellen Einstellungen: Eine höhere Empfindlichkeit macht es möglich, die Belichtungszeit zu verkürzen. Dreht man die Empfindlichkeit noch höher, kann auch noch die Blende etwas geschlossen werden. Eine leichte Unterbelichtung kann dann ebenso wie das durch die hohe Empfindlichkeit bedingte Bildrauschen am Computer nachgebessert werden.

„Bin ich mit kreativen, künstlerischen Projekten und anspruchsvollen Reportagen befasst, arbeite ich meist ohne automatische Kameraeinstellungen“, sagt die Mainzer Fotografin Heike Rost. „Weil ich manche Lichtsituationen so umsetzen möchte, wie ich sie vor Ort oder in der jeweiligen Situation wahrnehme - und nicht der Kamera die Entscheidung über den 'Mittelwert' überlassen möchte.“

Rost verzichtet dann sogar auf den Autofokus, „weil die Platzierung von Schärfe-Unschärfe im Bild meine Entscheidung hinsichtlich der Bildgestaltung widerspiegelt“. Wenn der Zeitdruck groß ist, wisse sie aber „im Einzelfall durchaus eine Programmautomatik zu schätzen“, erklärt die Fotografin.

Sinnvoll kann auch die Entscheidung für eine halbe Automatik sein: Bei der Zeitautomatik wird die Belichtungszeit vorgegeben und die Blende automatisch eingestellt - das ist nützlich bei bewegten Motiven. Bei der Blendenautomatik steht hingegen die Schärfentiefe im Blickpunkt: Sie wird mit einer vorgewählten Blende besonders eng oder weit gefasst, die Kamera ermittelt dazu die jeweils erforderliche Belichtungszeit.

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