Kempen. : Die Kempener Burg war einmal ein Schloss

Kempen. : Die Kempener Burg war einmal ein Schloss

Eroberungen, Brände und Umnutzungen prägten das Bild des Wahrzeichens der Stadt Kempen über die Jahrhunderzt immer wieder neu.

Da steht sie nun, die Kempener Burg, mächtig und trutzig. Über der Zugbrücke, in der Fassade eingemauert, ist immer noch ein Doppelwappen zum Zeichen ihrer Fertigstellung vor 619 Jahren. Mit einem Kreuz, das besagt: Bauherr war hier der Erzbischof von Köln. Und mit einem Doppeladler aus dem Familienwappen Friedrichs von Saarwerden. Unter diesem berühmten Burgenbauer erwuchs das Kastell vier Jahre lang – von 1396 bis 1400 – aus einer schon bestehenden älteren Burganlage.

Jahrhundertelang war die Kempener Burg in der Region der Mittelpunkt für Verwaltung und Politik. Hier residierte der Amtmann des Erzbischofs von Köln, für den sich seit dem 14. Jahrhundert der Begriff „Kurfürst“ durchsetzte, gehörte er doch zu den sieben Fürsten, die den deutschen König wählten, oder – wie man damals sagte – kürten. Der Amtmann war der direkte Vertreter des Landesherrn; nach heutigen Begriffen am ehesten vergleichbar mit dem Landrat. Er war militärischer Befehlshaber und oberster Gerichtsherr vor Ort.

In der Burg wurden Gefangene verhört, wie 1601 Sibilla This aus St. Hubert, der man Hexerei vorwarf. Ihre Streckbank stand im Ostturm, und sie starb während der Folter, nachdem man ihr qualvoll die Knochen aus den Gelenken gezerrt hatte. Der kurfürstliche Finanzverwalter, der Kellner, empfing im Kastell die dem Kurfürsten geschuldeten Abgaben und legte alljährlich das Steueraufkommen von Stadt und Land Kempen fest. Kurz: Die Burg repräsentierte die damalige staatliche Gewalt, und die städtische Siedlung blieb Jahrhunderte in respektvollem Abstand zu ihr.

In der Burg bezog der Kurfürst seine Gemächer, wenn er über die Burgstraße durch das Spalier der „Hoch“ rufenden Bürger angerollt war. Im Vorhof der Burg nahm – um nur ein Beispiel zu nennen – am 20. August 1652 der neu gewählte Kurfürst Maximilian von Bayern die Huldigung der Kempener Honoratioren entgegen. Aber auch andere illustre Gäste haben sich hier aufgehalten wie im Juni 1475 der mächtige Burgunderherzog Karl der Kühne. In der Landesburg traf er seinen Verbündeten, den Kölner Erzbischof Rupprecht von der Pfalz. Seit knapp einem Jahr belagerte der Burgunderherzog die Stadt Neuss und besprach nun mit dem Erzbischof das weitere Vorgehen. In den nächsten Jahrzehnten wird die Burg immer wieder zum Treffpunkt wichtiger Besucher und gewinnt damit überregionale Bedeutung.

Die Geschichte der Kempener Burg ist so reich an wichtigen Ereignissen, dass man sie am besten im Telegrammstil darstellt, um den Überblick zu behalten.

8. November 1807

Die Burg ist nach der Besetzung des Niederrheins durch die Truppen der französischen Revolution (1794) in den Besitz des französischen Staates übergegangen und von diesem an ihren bisherigen Pächter Franz Joseph Emans verkauft worden. Dessen Kinder veräußern sie 1807 nach dem Tod ihres Vaters an den Krefelder Seidenfabrikanten Peter von Loevenich. Der Mennonit mag den Festungscharakter des Bauwerks nicht und lässt den Verbindungstrakt zwischen Nord- und Ostturm abtragen. Die Burg verfällt.

20. Juli 1851

Nachdem im morschen Dachgebälk ein Feuer ausgebrochen ist, macht ein Brand die Burg in wenigen Stunden zur Ruine.

30. Dezember 1857

Der Bevollmächtigte der Familie Loevenich, der Krefelder Textilfabrikant Peter Floh, verkauft die Burg, um eigene Spekulationsverluste zu decken, für 8000 Taler an die Stadt Kempen.

16. April 1861 bis Januar 1863

Die Stadt baut die Burg zu einem Schulgebäude für das Thomaeum um. Das Kempener Gymnasium, seit 1802 im ehemaligen Franziskanerkloster untergebracht, ist in den letzten Jahren gewachsen. Für eine Vergrößerung bietet das Kloster keinen Platz. Um in der Burg mehr Platz zu schaffen, wird diese weitgehend entkernt. Ihre Außenmauern werden soweit abgeschält, wie die Statik des Baus es zulässt. Nur die Türme lässt man außen vor. Im Inneren entsteht eine Eingangshalle mit vier Spitzbogen, aus der eine „prächtige Freitreppe“ in das erste Stockwerk hinaufführt. Sie existiert noch heute. 1634 ist die mittelalterliche Burg zu einem Renaissance-Schloss umgebaut worden. Der jetzt erfolgende Wiederaufbau der Ruine im neugotischen Stil nimmt dem Gebäude seinen schlossartigen Charakter, sodass man seither wieder von einer Burg spricht.

8. Oktober 1863

Zum Schuljahresbeginn zieht das Gymnasium Thomaeum in die Burg ein und bleibt hier 62 Jahre. Erst zum Ende des Schuljahres 1925/26 zieht es in das Gebäude des Lehrerseminars, das gerade aufgelöst worden ist. Es handelt sich um den heutigen Altbau des Thomaeums. 1863/64: Für die Anlage eines Schulhofs werden die Burgscheune und die Stallgebäude der Burg abgebrochen. Weitere Gebäude fallen 1866/67 bei der Anlage der Thomasstraße, die die Stadt mit dem Bahnhof verbindet. Der Spitzhacke zum Opfer fällt 1868 auch der baufällige Turm des äußeren Burgtores. – Im März 1892 wird über dem Portal der Burg eine Statue des Schulpatrons Thomas von Kempen angebracht – und steht dort bis heute.

1929

Durch eine Kommunalreform ist das von Kempen aus verwaltete Kreisgebiet um ein Drittel größer geworden. Das Landratsamt an der Hülser Straße reicht nicht mehr aus. Der Kreis braucht zusätzliche Büros und verwendet dafür seit dem 1. Oktober 1929 mit Einverständnis der Stadt Kempen den größten Teil der Burg.

1. Juli 1930

Die Stadt Kempen schließt mit dem Landkreis Kempen-Krefeld einen offiziellen Mietvertrag über den größten Teil der Burg. Ab 1934 baut die Kreisverwaltung die Burg zu ihrem hauptsächlichen Verwaltungsgebäude um. Dabei erhält das Dachgeschoss Fensterreihen, die zum Erscheinungsbild der historischen Fassade nicht passen.

1. April 1939

Die Stadt verkauft dem Kreis die Kempener Burg. Dabei behält sie sich ein Zustimmungsrecht vor für den Fall, dass der Kreis die Burg eines Tages nicht mehr als Verwaltungsgebäude nutzen würde. Sollte die Stadt ihre Zustimmung verweigern, wäre sie zum Rückkauf verpflichtet. Der sollte auf der Basis des damaligen Verkaufspreises von 30 000 Reichsmark (heute etwa 160 000 Euro) erfolgen.

1948/49

Der Innenhof der Burg wird zum Freilichttheater. Im Sommer 1948 werden unter großem Andrang Hugo von Hoffmannsthals „Jedermann“ und Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ aufgeführt, im darauffolgenden Sommer Calderons „Großes Welttheater“. Aber da nach der Währungsreform das Geld knapp ist, wird die zweite Spielzeit zum Flop.

21. Juli 1953

Das nördliche Dachgeschoss fällt einem Brand zum Opfer. Ein Spenglergehilfe hat bei Reparaturarbeiten an der Dachrinne seinen Lötkolben unvorsichtig gehandhabt. Binnen 45 Stunden ist ein Notdach hergestellt. Die Außengestalt der Festung bleibt unverändert bis zur Ausfugung der Fassaden 1976. Aber das Speichergeschoss wird ab 1955 neugestaltet und erhält neue Betonfußböden anstelle der alten, durch Trockenfäule angegriffenen Holzdecken.