Autotest Comeback: So fährt sich der neue Lancia Ypsilon

Berlin- · In Italien fuhr der Ypsilon einfach weiter, aber im Rest der Welt war Lancia lange weg vom Fenster. Jetzt meldet sich der kleine Italiener zurück und will Noblesse in die City bringen. Ob das gelingt?

Comeback: So fährt sich der neue Lancia Ypsilon
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Sie ist das Dornröschen unter den Stellantis-Schwestern. Denn zumindest außerhalb Italiens ist Lancia im letzten Jahrzehnt sanft eingeschlafen. Doch jetzt küsst Konzernchef Carlos Tavares die Prinzessin wieder wach und schickt sie mit einem neuen Ypsilon zurück ins Rennen. In Italien geht der Kleinwagen zu Preisen ab 24.000 Euro schon im Sommer an den Start. Weil sie in Deutschland erst noch passende Vertriebspartner finden müssen, schlummert das schicke Wägelchen bei uns noch bis Mitte 2025 weiter.

Alte Plattform, neu eingekleidet

Als Basis für das Revival dient allerdings kein ganz neues Auto. Der Ypsilon - mit 4,08 Metern runde 20 Zentimeter länger und entsprechend geräumiger als der Vorgänger - ist der nächste Aufguss der aktuellen Stellantis-Architektur. Er nutzt deshalb die gleiche Technik wie Opel Corsa oder Peugeot 208.

Aber immerhin haben die Italiener aus den bekannten Bauteilen ein vergleichsweise neues Modell konstruiert und sich dabei einen betont vornehmen Anstrich gegeben. Schließlich will Lancia mit Audi oder Mini konkurrieren und zu einem der vornehmsten Flitzer in der Stadt werden. Ob das klappt, zeigte eine Rundfahrt mit der elektrischen Version.

Der Elan kann mit der Eleganz nicht mithalten

Der Premium-Anspruch endet allerdings beim Antrieb. Denn auch dem Nobel-Mini müssen die 115 kW/156 PS aus der Familie genügen. Zumindest vorerst. Denn im nächsten Jahr will Lancia auch an die sportliche Tradition der Marke anknüpfen und eine HF-Variante mit 177 kW/240 PS bringen. Bis dahin bleibt es bei eher durchschnittlichen 8,1 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h und bei einem Spitzentempo von mäßigen 150 Sachen.

Und dass der Ypsilon etwas breiter auf der Straße steht als Corsa & Co. und deshalb souveräner fahren soll, davon ist zumindest auf den Kopfsteinpflaster-Pisten am Stammsitz in Turin nichts zu spüren. Sondern handlich, aber ein bisschen nervös fühlt er sich an wie jeder andere Kleinwagen. So läuft er Spuren genauso nach und tapst genauso durch Schlaglöcher, statt wie ein Luxusliner seinen eigenen Kurs zu gehen und die Straße wie glattgebügelt wirken zu lassen.

Großer Akku mit langsamer Ladeleistung

Dabei hätte der Ypsilon durchaus das Zeug, sich auch aus der Stadt zu wagen. Schließlich steckt im Bauch ein Akku mit 54 kWh, der im besten Fall für 403 Kilometer reichen soll. Allerdings braucht man dann auf dem Rückweg etwas Geduld. Denn mehr als 11 kW an der Wallbox und 100 kW am Gleichstrom sind beim Laden nicht drin. Da sind billigere Konkurrenten deutlich besser.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Lancia hat ein paar neue Design-Details verwirklicht - außen etwa die eigenwillige LED-Signatur vor dem immer schwarzen Streifen auf der Motorhaube oder die kreisrunden Rückleuchten des Rallye-Monsters Lancia Stratos. Oder innen die schallplattengroßen Türgriffe, die blinkende Infotainment-Zentrale auf dem digitalisierten Armaturenbrett oder den sogenannten Coffee-Table als offene Ablage in der Mittelkonsole.

Außerdem haben die Italiener dem Ypsilon auch einen vornehmen Anstrich gegeben. Aber leider bleibt es in vielen Fällen tatsächlich bei der Farbe: Egal, ob die nachhaltig hergestellten und mit Marmorstaub veredelten Türbezüge, die golden angestrichenen Zierleisten oder die vielen verschiedenen Kunststoffe rund ums Lenkrad - von Handschmeichlern kann da angesichts der harten und rauen, bisweilen sogar scharfgratigen Oberflächen keine Rede sein. Nur weil er anders aussieht, ist der Ypsilon deshalb nicht besser als die anderen Stellantis-Minis. Es ist halt nicht alles Gold, was glänzt.

Die Zukunft muss warten

Und ganz so fortschrittlich und zukunftsfest, wie sie gerne tun, sind die Italiener leider nicht. Denn auch wenn Lancia natürlich irgendwann eine reine Elektromarke werden will und die nächsten Neuheiten wohl nur noch als Akku-Autos kommen, gibt es zumindest den Ypsilon - Corsa & Co. lassen schon wieder grüßen - auch noch als Verbrenner mit einem 74 kW/100 PS starken 1,2-Liter-Benziner. Nur so kommt auch der halbwegs attraktive Einstiegspreis zustande. Für die E-Version nehmen die Italiener daheim mal eben 10.000 Euro mehr. Die Preise für Deutschland sind noch unbekannt.

Fazit: Bitte nicht wecken

Natürlich hat jeder eine zweite und Lancia mittlerweile sogar dritte Chance verdient. Aber in Zeiten, in denen fast im Monatsrhythmus neue Marken aus China kommen, muss man vielleicht auch nicht jede fast verblichene Marke aus Europa wiederbeleben.

Erst recht nicht, wenn die Abgrenzung zu direkten Schwestern wie Alfa Romeo oder DS schwerfällt und das Geld für richtig eigenständige und einzigartige Autos fehlt. Dann sollte man das Dornröschen vielleicht lieber schlafen lassen und in wohliger Erinnerung behalten ...

Datenblatt: Lancia Ypsilon (E-Version)


 Motor und Antrieb: Elektromotor
 Max. Leistung: 115 kW/156 PS
 Max. Drehmoment: 260 Nm
 Antrieb: Frontantrieb
 Getriebe: Eingang-Automatik


 Maße und Gewichte 
 Länge: 4080 mm
 Breite: 1760 mm
 Höhe: 1440 mm
 Radstand: 2538 mm
 Leergewicht: 1584 kg
 Zuladung: k.A.
 Kofferraumvolumen: 308 Liter


 Fahrdaten: 
 Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h
 Beschleunigung 0-100 km/h: 8,1 s
 Durchschnittsverbrauch: 14,3 kWh/100 km
 Reichweite: 403 km
 CO2-Emission: 0 g/km
 Ladeleistung AC/DC AC/DC: 11/100 kW


 Kosten: 
 Basispreis des Lancia Ypsilon | E-Version:  k.A. | k.A.


 Wichtige Serienausstattung: 
 Sicherheit: Front-, Seiten- und Vorhangairbags, Müdigkeitserkennung, LED-Scheinwerfer
 Komfort: Klimaanlage, Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber, Navigation

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(dpa)