Deutschlandweit gibt es 14-mal mehr Gymnasien als Waldorfschulen. Letztere sind somit mit vielen Klischees behaftet. Doch nur wenige wissen, wo die eigentlichen Unterschiede zwischen den beiden Schulformen liegen.

"Sind die Unterschiede wirklich so groß? Gymnasium (links) und Waldorfschule (rechts).
"Sind die Unterschiede wirklich so groß? Gymnasium (links) und Waldorfschule (rechts).

"Sind die Unterschiede wirklich so groß? Gymnasium (links) und Waldorfschule (rechts).

"Sind die Unterschiede wirklich so groß? Gymnasium (links) und Waldorfschule (rechts).

Wuppertal. Waldorfschule - "Da lernt man seinen Namen zu tanzen"; "da gehen nur Behinderte hin"; "da werden doch alle nur betüddelt". Dies sind wohl die häufigsten Kommentare, die man über Waldorfschulen hört. Doch was steckt wirklich hinter dieser Schulform?

Und wie groß sind die Unterschiede zwischen Waldorfschulen und Gymnasien? An Waldorfschulen geht es um "eine Förderung des ganzen Menschen, mit allen seinen Fähigkeiten", so Dietmar Schäfer, Lehrer an der waldorfischen Rudolf-Steiner-Schule in Wuppertal. "Deshalb ist uns auch der handwerklich-künstlerische Unterricht wichtig".

Dies ist auch einer der bedeutendsten Unterschiede zwischen Waldorfschulen und Gymnasien; neben den gewöhnlichen Schulfächern werden beispielsweise auch Gartenbau, Zirkus, Spinnen oder Theaterspiel unterrichtet.

Auch Eurythmie, Sport und Musik gelten als besonders wichtig. Wie Dietmar Schäfer erklärt, sind die Unterrichtsfächer nicht isoliert zu betrachten. "Sie unterstützen sich gegenseitig." Man spricht von einer Vernetzung der Fächer. So werden unter anderem Bewegung und Mathematik miteinander kombiniert.

"Der Epochenunterricht ist ebenfalls ein wichtiges Merkmal der Waldorfschule", erklärt Dietmar Schäfer. Im Gegensatz zu dem festgelegten Stundenplan an Gymnasien können die Stundenverteilungen an Waldorfschulen variieren. So findet morgens zwischen 8.00 und 9.45 Uhr der so genannte Epochenunterricht statt; in Form einer mehrwöchigen Projektphase wird in dieser Zeit ein bestimmtes Fach vertieft.

Beispielsweise folgt auf drei bis vier Wochen Epochenunterricht im Fach Deutsch eine Intensivierung des Faches Biologie oder Mathematik. Besonderheit des Epochenunterrichts ist, dass dieser bis einschließlich der achten Klasse von ein und demselben Lehrer, nämlich dem Klassenlehrer, unterrichtet wird.

Die Klassenlehrer müssen somit in fast allen Fächern ausreichend Kenntnisse besitzen; im Gegensatz dazu unterrichten Lehrer an Gymnasien lediglich die Fächer, auf die sie sich fachlich spezialisiert haben.

Da Fächer wie die Fremdsprachen eine regelmäßige Wiederholung erfordern, haben sie auch an der Waldorfschule nach dem Epochenunterricht einen festgelegten Platz im Lehrplan.

An Waldorfschulen wird zudem besonders die Zusammenarbeit und soziale Gemeinschaft der Schüler gefördert. So umfasst die Waldorfschule die Klassen 1 bis 13. Daher bezeichnet Schäfer seine Schule auch als eine "wirkliche Gesamtschule", denn hier lernen Schüler jeden Alters und werden nicht nach dem dreigliedrigen Schulsystem nach ihrem Leistungsniveau aufgeteilt.

Stattdessen wird der Unterricht dem Alter der Schüler angepasst, ohne dass diese sitzen bleiben können. Generell werden an einer Waldorfschule keine wirklichen Noten oder Notenzeugnisse vergeben; Ausnahme sind Vorbereitungszeiten vor zentralen Prüfungen.

Stattdessen werden Beurteilungen verteilt, die den Lernfortschritt jedes einzelnen dokumentieren. Monatliche Veranstaltungen geben zusätzlich die Möglichkeit, im Unterricht Erlerntes allen Interessierten zu präsentieren. An Gymnasien spielen die Noten jedoch eine sehr bedeutende Rolle und besonders der Lernerfolg wird dokumentiert.

Die Oberstufenzeit der Waldorfschule beginnt schon ab der neunten Klasse; nun bereiten sich die Schüler auf das Zentralabitur vor, denn der Waldorfschulabschluss nach der 12. Klasse ist staatlich nicht anerkannt.

Nach Beendigung der zwölf Waldorfschuljahre erhalten die Schüler außerdem ein Abschlussportfolio: Eine schriftliche Zusammenfassung von allen Projekten und Praktika, an denen sie während ihrer Schulzeit teilgenommen haben.

Der Leiter eines Gymnasiums ist bekanntlich der Schuldirektor. Dies verhält sich allerdings an Waldorfschulen anders. Hier werden in wöchentlichen Konferenzen des Lehrerkollegiums wichtige Entscheidungen getroffen. "Natürlich ist das nicht einfach, es kommt auch zu Auseinandersetzungen, Entscheidungen werden schwieriger- aber jeder ist beteiligt."

Der Umgang mit den Mitmenschen sowie die Gemeinschaft sind an der Waldorfschule besonders bedeutend. Auch die Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler ist sehr wichtig: "Kein Computer, kein Roboter, kein Sprachlabor, kein Lehrbuch kann die persönliche Begegnung zwischen Menschen ersetzen".

Natürlich ist sich auch Dietmar Schäfer der Vorurteile über Waldorfschulen bewusst. Doch nicht alle Klischees treffen zu: Auch an der Waldorfschule wird ab und an mit modernen Medien gearbeitet, wenn auch seltener als bei anderen Schulformen. "Wir benutzen auch technische Hilfsmittel im Unterricht - natürlich stärker in der Oberstufe." Manche Klassen produzieren beispielsweise eigene Nachrichtensendungen.

Weiteres Hilfsmittel im Unterricht sind außerdem Instrumente wie die Gitarre, um Lieder zu begleiten.

Trotz aller Klischees ist sich Dietmar Schäfer sicher, dass die Waldorfschule mehr als Schule ist: "Sie ist ein kultureller Impuls. Waldorfschule ist eine Zukunftsbewegung, denke ich."

Die Vor- und Nachteile von Gymnasien und Waldorfschulen werden weiterhin umstritten bleiben. Welche Schulform für einen selbst als die passendere erscheint, hängt letztendlich von jedem persönlich ab.

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