Die 17-jährige Helene Hegemann ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Teile aus ihrem Roman im Internet abgeschrieben hat.
Die 17-jährige Helene Hegemann ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Teile aus ihrem Roman im Internet abgeschrieben hat.

Die 17-jährige Helene Hegemann ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Teile aus ihrem Roman im Internet abgeschrieben hat.

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Die 17-jährige Helene Hegemann ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ihr wird vorgeworfen, dass sie Teile aus ihrem Roman im Internet abgeschrieben hat.

Berlin. Sie ist erst 17, das Etikett "neues Wunderkind" wird unvermeidbar sein. Helene Hegemann hat mit ihrem Debüt als Filmregisseurin ("Torpedo") 2009 beim Festival in Saarbrücken einen der Max-Ophüls-Preise gewonnen. Schon mit 15 schrieb die Berlinerin ein Theaterstück.

Jetzt hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht. Es heißt "Axolotl Roadkill" und wird sehr gehypt. Die erste Auflage ist schon weg, berichtet der Ullstein Verlag, ohne Zahlen zu nennen. Im Buchhandel wird es eine vergleichbare Leserschaft ansprechen wie die Bücher von Christian Kracht ("Faserland") oder Charlotte Roche ("Feuchtgebiete").

Die Literaturkritik kann das Werk als Parforce-Ritt durch ein Teenagerleben im Berlin der nuller Jahre feiern. Ein Axolotl ist ein mexikanischer Lurch, der in seinem Leben nicht erwachsen wird und einer Kaulquappe ähnelt. "Roadkill" nennen Amerikaner die überfahrenen Tiere, die auf der Straße liegen. Es ist eine kaputte Welt, die die 16 Jahre alte Erzählerin Mifti beschreibt, voll mit Drogen, Sex und zynischen Menschen. Die Sprache ist originell und scharf, die Beobachtungsgabe hochtalentiert. Von einem "literarischen Kugelblitz" sprach die "Zeit".

Maxim Biller jubelte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Ein deutsches Romandebüt mit einer solchen Kraft hat es lange nicht gegeben." Es geht um Charaktere, Szenen und Bewusstseinszustände, das Buch ist komplex und nicht immer leicht zugänglich. Mifti hat mit 13 ihre Mutter verloren, der Vater ist ein Loser der Berliner Kulturszene, die Geschwister sind auch nicht viel besser. "Ich bin wild aufgewachsen und ich will wild bleiben", sagt die Erzählerin.

Mit Helene Hegemanns eigenem Leben – sie wurde in Freiburg geboren und ist die Tochter des ehemaligen Volksbühnen-Chefdramaturgen Carl Hegemann - sollte man das Buch nicht verwechseln. Sie ist auch deutlich sympathischer als Mifti. Caroline Bock traf sie zum Interview in einem Berliner Café.

Im Zusammenhang mit dem Film "Torpedo" hast du gesagt, dass das Drehbuch aus dir "herausgebrochen" ist?
Hegemann: "Ja, schrecklich, oder? Das wird grundsätzlich falsch aufgefasst, weil mir unterstellt wird, es wäre intuitiv aus dem jungen Nebel meines Bewusstseins herausgebrochen oder so. Es ist schon alles technisch durchdacht und nicht einfach zufällig entsprungen. Die Grundlagen erarbeitet man sich schon, das ist nicht so einfach."

Wie ist das Buch entstanden?
Hegemann: "Ich habe 30 Seiten geschrieben, weil ich Lust dazu hatte, etwas zu schreiben, was nichts mit dem Drehbuch zutun hatte. Das hat der Ullstein Verlag gekauft, dann entstand der Roman. Aber dieser erste Teil ist jetzt nicht mehr drin."

Du wirst wissen, was du jetzt immer gefragt wirst: Was. ..
Hegemann: "...hat das Ganze mit mir zutun? Wie fand mein Vater sein Porträt? Das ist eine übergriffige, anstrengende Frage, es hat wirklich nichts mit mir persönlich zutun. Diese Figur hat dieselben Grundvoraussetzungen wie ich, ich verhandele Themen, die mich beschäftigen. Aber ich befreie mich eher von dem Skript meines eigenen Lebens. Man kommt an einen anderen Punkt, wenn man sich selbst außen vorlässt. Die Figur ist natürlich ein 16-jähriges Mädchen, weil ich nicht in der Lage bin, über einen 35-Jährigen zu schreiben. Das Buch hat nichts mit meinem Vater, mir oder konkret mit meinen Freunden zutun. Dafür sind wir alle auch zu langweilig."

Kann man sagen, dass du das Milieu kennst, über das du schreibst?
Hegemann: "Es ist ja fast ein Milieu, das es im Moment gar nicht gibt. Das Buch bildet eine Gesellschaft ab, die versucht, sich von allen Konventionen zu befreien. Ich würde nicht sagen, ich werde in einem solchen Umfeld groß. Aber natürlich kenne ich Leute, die Drogen nehmen oder ausbrechen. Ich bin auch ein Mensch, der zwar nicht aus irgendeinem System ausbricht, aber auf den bestimmte Standards der Gesellschaft nicht zutreffen, und der sich etwas Neues ausdenken muss. Um diesen Prozess geht es. Es ist kein Buch, in dem es in erster Linie ums Feiern geht oder um Berliner Clubs."

Das Buch zeigt, dass es Teenager gibt, die nicht auf Fernsehsendungen mit Heidi Klum stehen oder den gängigen Vorstellungen von Jugendlichen entsprechen.
Hegemann: "Teenager sind einfach alles andere als fremdgesteuert. In Romanen und Filmen wird ihnen aber grundsätzlich ihre Entscheidungsfähigkeit und Eigenständigkeit aberkannt - sie sind immer passiv, ihnen geschehen Dinge, auf die sie keinen Einfluss haben und so weiter. Mifti ist das Gegenmodell dazu."

Wie alt fühlst du dich?
Hegemann: "Die Frage kriege ich in jedem Interview gestellt. Ich fühle mich wie 17. Ich bin 17! Jugend ist auch was Überschätztes, ich verstehe gar nicht, warum das immer so glorifiziert wird."

Gehst du noch zur Schule?
Hegemann: "Nein, ich habe meinen Realschulabschluss gemacht. Mit dem Abitur werde ich aber noch warten, weil ich keine Zeit dazu habe."

Kannst du dir vorstellen, dass das Buch verfilmt wird?
Hegemann: "Ja, total. Natürlich nicht von mir. Und im Moment kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sich jemand dazu bereiterklärt. Aber ich fänd' es großartig."

Wie fändest du das Buch als Schullektüre?
Hegemann: "Das wäre nicht intelligent von Lehrern, es lesen zu lassen. Das wäre falsch angebrachter Punkrock."

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