Der Inhaber einer Nachhilfeschule (24) mit mehreren Filialen war selbst ein Schulabbrecher. Er soll in drei Jahren mehr als 153.000 Euro ergaunert haben.

Prozess: 24-jähriger Inhaber war Schulabbrecher. Er soll in drei Jahren mehr als 153 000 Euro ergaunert haben.
Der 24-Jährige rechnete auch Nachhilfestunden ab, die gar nicht gegeben wurden.

Der 24-Jährige rechnete auch Nachhilfestunden ab, die gar nicht gegeben wurden.

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Der 24-Jährige rechnete auch Nachhilfestunden ab, die gar nicht gegeben wurden.

Eine steile Karriere machte der 24-Jährige in kurzer Zeit: Als Schulabbrecher entdeckte er das Thema Nachhilfe, die übers Jobcenter finanziert wird, als Geschäftsidee. In vier Jahren baute er eine Nachhilfeschule mit mehreren Filialen auf. Und genoss, als jemand dazustehen, der es zu etwas gebracht hat. Doch dann fiel auf, dass er Stunden abrechnete, die gar nicht stattfanden. Jetzt steht er wegen gewerbsmäßigen Betrugs vor dem Landgericht.

118 Betrugsfälle wirft ihm die Anklage vor, mehr als 153 000 Euro soll er erschwindelt haben. Der junge Mann schilderte jetzt ausführlich vor Gericht, wie es dazu kam.

„Ich wollte immer mehr Geld verdienen“

Er hatte die Schule geschmissen, fand aber keine Lehrstelle. Als er im Internet nach Möglichkeiten suchte, doch noch einen Abschluss zu erreichen, stieß er auch auf die Möglichkeit, Bildungsmaßnahmen übers Jobcenter finanzieren zu lassen, auch Nachhilfe.

„Da habe ich gedacht, ey, das kann ich doch auch machen.“ Er müsse ja nicht unterrichten, nur das Geschäftliche organisieren. Er recherchierte, ließ sich als vermeintlicher Kunde das System erklären, wie das Geld vom Jobcenter beantragt wird.

In Vohwinkel begann er 2013 mit einer Handvoll Lehrern und 35 Schülern, warb mehr Schüler. Für eine Filiale in Elberfeld nahm er einen Bekannten mit ins Boot. Sie professionalisierten die Kundenwerbung, sprachen ihre Schüler an, ob sie Geschwister, Verwandte oder Freunde haben, die Nachhilfe brauchen. Und zahlten für Neukunden auch Geld, führten dazu ein gestuftes Belohnungssystem ein. „2015 war ich schon wie auf einem Laufband“, erzählte der 24-Jährige. „Ich wollte immer mehr Geld verdienen. Ich habe mich gut gefühlt.“ Später ergänzt er: „Die Leute grüßen dich anders.“

Filialen in Barmen und Solingen

Es folgte eine Filiale in Barmen und eine in Solingen, jeweils mit anderen Partnern. „Es explodierte, es kamen immer mehr Leute.“ Dabei verlor er zunehmend den Überblick über die Buchhaltung, gegebene Stunden und Abrechnungen. Aber schon ab 2015 war ihm klar gewesen, dass er nicht korrekt abrechnete. Das hatten auch einige seiner Werber gemerkt. Ihnen gegenüber habe er nicht geleugnet, dass er mehr Geld behalte, wenn die neuen Kunden bereits genehmigte Stunden nicht nehmen.

Die Situation eskalierte, als ein Partner selber Schüler suchte, die Konkurrenz um Kunden wuchs. Bis zu 300 Euro seien für Neukunden gezahlt worden. Inzwischen war das Jobcenter misstrauisch geworden, wollte Anwesenheitslisten sehen. Die fälschte er.

Doch das nutzte ihm nichts, denn auch die Polizei ermittelte längst. Im März 2017 rückten rund 50 Beamte aus, durchsuchten die Filialen. Und verhafteten ihn sowie sieben weitere mutmaßliche Beteiligte. Sie sind inzwischen wieder auf freiem Fuß, gegen sie wird gesondert ermittelt. Der 24-Jährige ist einsichtig: „Es war nicht okay, was ich gemacht habe.“

Jobcenterchef Thomas Lenz versichert, dass sie sich die Nachhilfeschulen genau ansehen, mit denen sie zusammenarbeiten. Aber eine umfassende Kontrolle sei schwierig: „Wir können nicht hinter jedem Schüler stehen.“ Zudem sei wichtig, den Zugang zu Nachhilfe möglichst wenig bürokratisch zu gestalten.

Die Nachfrage danach ist immens gestiegen. 2013 erhielt das Jobcenter 1567 Anträge und zahlte 641 000 Euro für Nachhilfe. 2017 wurde sie schon 3059 Mal beantragt, das Jobcenter zahlte dafür 2,5 Millionen Euro. Damit erhalten etwa ein Drittel der rund 10 000 berechtigten Schüler in Wuppertal Nachhilfe, die vom Jobcenter finanziert wird.

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