Mexiko gibt Entwarnung, aber ein Augenzeuge berichtet von Chaos im Land.

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Geht nur noch mit Mundschutz aus dem Haus: Sebastian Schulz mit Tochter Sofia in Guadalajara.

Geht nur noch mit Mundschutz aus dem Haus: Sebastian Schulz mit Tochter Sofia in Guadalajara.

privat

Geht nur noch mit Mundschutz aus dem Haus: Sebastian Schulz mit Tochter Sofia in Guadalajara.

Guadalajara. Armes Mexiko, so weit weg von Gott und so nah an den Gringos. Selbstmitleid klingt mit im mexikanischen Sprichwort, das in diesen Tagen oft noch auf die Spitze getrieben wird: Warum müssen immer wir dran glauben? Influenza porcina heißt dieses Mal der Fluch, in Deutschland spricht man von der Schweinegrippe. Inzwischen hat sie eine nicht exakt bekannte Zahl von Todesopfern gefordert, vor allem aber chaotische Zustände im Land ausgelöst. Wie es dort aussieht, berichtet ein Wuppertaler im Telefonat mit der WZ.

Sebastian Schulz lehrt seit 2005 an der Universität von Guadalajara, der zweitgrößten Stadt Mexikos. Normalerweise herrscht dort pulsierendes Leben. Nun aber ist Totenstille eingekehrt, weil der Unterricht eingestellt wurde. "Bis zum 6. Mai", sagt Schulz und ergänzt: "Der 5. Mai ist Nationalfeiertag. Mexikaner nutzen gerne Brückentage."

Eine solche Rechnung klingt seltsam in diesem ernsten Zusammenhang. Sie deutet auf eine Mentalität, die schwer mit deutschen Denkweisen zu vereinen ist. "Am 24. April habe ich erstmals von der Schweinegrippe gelesen - in der deutschen Presse. Was in Europa schon Schlagzeilen machte, war den Zeitungen hier drei Zeilen wert."

Mittlerweile haben die lokalen Medien das Thema aufgegriffen, berichten aber widersprüchlich und werden auch von Politikern nur mit oberflächlichen Informationen versorgt.

1600 Verdachtsfälle gestand das Gesundheitsministerium am Montag zu und räumte ein, dass täglich einige 100 Infizierte hinzu kämen. Man habe aber nur Kapazitäten, um 50 Fälle auf das Virus hin zu untersuchen. Tödlich sei die Krankheit nicht. Freilich seien 180 der eingelieferten Personen gestorben. 70 davon wurden untersucht, nur bei 20 habe man das Virus nachgewiesen. Also, so die Verantwortlichen: Kein Grund zur Panik.

Sebastian Schulz, Sohn von Bürgermeisterin Ursula und Schriftsteller Hermann Schulz, lebt seit 2005 in mit seiner Tochter Sofia in Guadalajara. Heute Dozent an der Universität Panamericana, kennt er Mexiko bereits seit den 90er Jahren. Damals betrieb er eine Kunstgalerie in Guadalajara.

"Solche ungereimten Berichte sind hier normal. Auf eine Frage von Journalisten, wie die Verteilung von Männern und Frauen unter den Toten sei, wusste der Regierungssprecher keine Antwort. Inzwischen hat keiner mehr eine Ahnung, woran er ist. Die Leute haben Angst."

Fußballspiele finden vor leeren Rängen statt. Kinos, Restaurants und sogar Kirchen bleiben geschlossen, in den Supermärkten werden Hamsterkäufe getätigt. Wer es ermöglichen kann, verlässt die Stadt, weil Hitze und Luftverschmutzung als Katalysator für die Krankheit gelten. Auch Sebastian Schulz denkt darüber nach, ob er mit Tochter Sofia für eine Weile ans Meer ziehen soll. Vorerst begnügt er sich damit, möglichst im Haus zu bleiben.

"Atemschutzmasken sind nicht mehr zu bekommen. Hier weiß auch keiner, ob die überhaupt etwas nützen. Natürlich wird vor Panikkäufen gewarnt, obwohl es angeblich keine Versorgungsschwierigkeiten gibt, auch nicht bei Medikamenten. Aber selbst Vitamin C, das als Prävention empfohlen wird, ist bereits ausverkauft. In Mexico City sind Krankenschwestern in Streik getreten, weil sie keinen Mundschutz erhielten. Drei Schwestern und ein Arzt sind bereits gestorben. Keiner weiß, ob es um Tod und Leben geht oder alles nur Hysterie ist. Aber die jetzigen Zustände sind schlimm genug."

Zu den Wuppertaler Firmen, die in Mexiko tätig sind. zählt die Fair Trade Company Gepa. Dort berichtet Pressesprecherin Brigitte Frommeyer, dass derzeit keine Mitarbeiter in Mexiko unterwegs seien und die letzte Reise im Oktober stattgefunden habe. Man werde in jedem Fall die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes befolgen und vorerst keine Kollegen nach Mexiko schicken.

Michael Weber von Vorwerk verfolgt die Lage ebenso besorgt, ist aber zuversichtlich, dass die aus Mexiko gemeldeten Zahlen stimmen. Vorwerk ist mit Jafra Cosmetics im Land vertreten und dort auf direkte Kundenkontakte angewiesen. 500.000 Beraterinnen besuchen flächendeckend die Haushalte, eine besondere Form des Vertriebs, die hohe Risiken birgt. So kann auch Weber nur hoffen, dass sich die Lage in Mexiko normalisiert.

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