750 Menschen haben in Wuppertal keine eigene Wohnung. Der Anteil der Jungen und der psychisch Kranken wächst.

Bei den Streetworkern der Diakonie sind 29 Obdachlose bekannt, die auch die Nächte draußen verbringen. Symbol
Bei den Streetworkern der Diakonie sind 29 Obdachlose bekannt, die auch die Nächte draußen verbringen. Symbol

Bei den Streetworkern der Diakonie sind 29 Obdachlose bekannt, die auch die Nächte draußen verbringen. Symbol

Holger Hollemann/dpa

Bei den Streetworkern der Diakonie sind 29 Obdachlose bekannt, die auch die Nächte draußen verbringen. Symbol

Wuppertal. Sie schlafen in Geschäftseingängen in der Innenstadt oder man sieht sie auf einer Parkbank mit einer Tasche für ihre Habseligkeiten: Menschen, die keine eigene Wohnung haben, zunehmend auch junge Leute. Einige finden nachts einen Unterschlupf, andere verbringen auch die Nacht im Freien.

Aktuell kennen die Streetworker der Diakonie Wuppertal Soziale Teilhabe gGmbH, die sich in Wuppertal um solche Menschen kümmert, 29 Personen, die in Wuppertal draußen schlafen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt zählte die Statistik 2016 für Wuppertal 750 Personen, von denen bekannt ist, dass sie keine eigene Wohnung haben.

„Die Angebote decken den Bedarf nicht mehr“

Darunter sind Menschen, die bei Bekannten unterkommen, und solche, die in Notunterkünften oder Hilfeeinrichtungen leben. „Die Zahlen gehen drastisch hoch“, sagt Thomas Bartsch, Geschäftsführer der Diakonie Wuppertal Soziale Teilhabe gGmbH. 2011 waren erst 386 wohnungslose Personen bekannt, allein von 2015 auf 2016 stieg die Zahl um 230.

„Die Zahl der wohnungslosen Menschen hat sich in zehn Jahren mehr als verdoppelt“, stellt Werner Reschke fest, Abteilungsleiter bei der Diakonie für Beratung, Straßensozialarbeit und die Tagesstätte Café Oberstübchen. „Aber Personal und Ausstattung sind die gleichen geblieben“, beklagt er. „Die Angebote decken den Bedarf nicht mehr.“

Die Notschlafstelle für Frauen ist seit Wochen hoch belegt. Vorhanden sind zwölf Einzelzimmer. „In den letzten Wochen haben wir fünf Notbetten im Gemeinschaftsraum aufgestellt“, berichtet Cornelia Lieto, Bereichsleiterin für die Gefährdetenhilfe der Diakonie. 2016 gab es in der Notschlafstelle der Männer 7341 Übernachtungen, in den ersten fünf Monaten von 2017 waren es bereits 5832.

Für Männer Friedrich-Ebert-Str. 180: 20 Plätze, für Frauen Hopster-Fiala-Haus, Deweerthstr. 116: 12 Plätze plus Zusatzbetten im Gem.-Raum

Für Männer und Frauen Café Oberstübchen, Oberstr. 36, für Frauen: Hopster-Fiala-Haus. Deweerthstr. 116

Für Männer Oberstraße 36, für Frauen Deweerthstr. 116

Für Männer Oberstr.36, 46 Plätze, Obdachlosenunterkunft Hermannstr.: 42 Einheiten à 50 m²

Betreutes Wohnen Unterstützung für Menschen, die wohnungslos waren oder davon bedroht sind, in ihrer Wohnung.

Cornelia Lieto zählt mehrere mögliche Gründe für den Anstieg auf: Unter den Zuzüglern in die Stadt seien auch viele bedürftige Menschen, insbesondere aus Südosteuropa. Ein Trend sei auch, dass Menschen nach Jahren in grüneren Wohngebieten in die Stadt zurückkehren. „Es gibt mehr Bedürftige, aber nicht mehr Wohnungen. Deshalb finden immer mehr keine Wohnung.“

Werner Reschke sieht zudem, dass Familien seit den 80er-Jahren an Stabilität verlieren: „Familien fangen Probleme nicht mehr so auf wie früher.“ Das ist unter anderem ein Grund dafür, dass die Zahl junger Menschen unter den Wohnungslosen zunimmt. Ein weiterer Punkt: Wegen der Vielzahl ihrer Probleme schafften es einige Menschen nicht mehr, ein Mietverhältnis dauerhaft zu halten.

Zur Wohnungs- oder sogar Obdachlosigkeit führten zahlreiche Probleme wie Krankheit, Trennung, Schulden, Sucht sowie psychische Erkrankungen von Depressionen über Borderline Syndrom bis zu Psychosen. Insgesamt nähmen die Zahlen der psychisch Kranken, der Jungen , der Älteren und die von Menschen mit Doppeldiagnosen zu.

Psychisch Kranke sind oft schwer zu überzeugen

Insbesondere die psychisch kranken Obdachlosen seien oft schwer zu erreichen, berichtet Werner Reschke: „Gegen ihren Willen ist keine Intervention möglich.“ Die Straßensozialarbeiter besuchten sie dann immer wieder an ihren Aufenthaltsplätzen und versuchten sie zu überzeugen, Hilfsangebote anzunehmen. „Diese Menschen sind schwer krank“, betont Thomas Bartsch. Die Vorstellung, dass sie vollständig gesund und integriert werden, sei eine Illusion. „Man muss sie begleiten und dort abholen, wo sie sind. Das ist unser urchristlicher Auftrag.“

Die Diakonie hat ein Konzept für ein niederschwelliges Angebot für psychisch kranke Obdachlose erarbeitet. Bärbel Mittelmann, die bei der Stadt die Angebote für Obdachlose koordiniert, sagt: „Wir sind da dran. Die Frage ist, wie es finanziert wird.“

Das Geld ist auch die Frage bei der Ausweitung des Tagesangebots. Derzeit ist das Café Oberstübchen werktags von 9 bis 15 Uhr, freitags bis 14 Uhr geöffnet, die Notschlafstellen täglich von 18 bis 8 Uhr. Auch im Winter müssen Obdachlose die Stunden dazwischen überbrücken – obwohl es eine Verpflichtung gibt, Aufenthaltsräume zu stellen. „Wir hoffen, dass zumindest eine stundenweise Ausweitung am Wochenende, besonders an den Feiertagen, irgendwie möglich ist“, so Bärbel Mittelmann.

Gut eine Million Euro gibt die Stadt derzeit für die Obdachlosenhilfe aus, dazu kommen 550 000 Euro über den Landschaftsverband. Steigerungen gab es zuletzt wenige, da die Schlafstellen bisher nicht voll ausgenutzt waren. Sozialdezernent Stefan Kühn kündigt aber an, unter den städtischen Gebäuden nach weiteren Möglichkeiten dafür zu suchen: Es soll sichergestellt bleiben, dass kein Mensch draußen schlafen muss.

Die Fraktion der Linken hat im Sozialausschuss in den letzten Jahren mehrfach die Situation der Obdachlosen angesprochen. Susanne Herhaus (Linke) kennt die steigenden Zahlen. „Da muss etwas getan werden“, findet sie.

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