Der „Wohnatlas 2016“ der Postbank rückt Wuppertal in ein falsches Licht, so die Kritik aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung.

Laut Postbank-Studie leben 341.000 Einwohner in Wuppertal. Tatsächlich sollen es aber 10.000 mehr sein.
Laut Postbank-Studie leben 341.000 Einwohner in Wuppertal. Tatsächlich sollen es aber 10.000 mehr sein.

Laut Postbank-Studie leben 341.000 Einwohner in Wuppertal. Tatsächlich sollen es aber 10.000 mehr sein.

Fischer, A. (F22)

Laut Postbank-Studie leben 341.000 Einwohner in Wuppertal. Tatsächlich sollen es aber 10.000 mehr sein.

Wuppertal. Wuppertal, im November 2016: „Schrumpfende Bevölkerung, sinkende Erwerbstätigkeit bei gleichzeitigem Wohnungsüberhang: Wuppertal hat, wie viele Städte des Ruhrgebietes, in den vergangenen 15 Jahren Entwicklungen erlebt, die sich negativ auf die Immobilienpreise ausgewirkt haben.“

Wer beim Lesen dieser Sätze staunt, ist mit seiner Verwunderung nicht allein. Die Einleitung zur Postbank-Studie „Wohnatlas 2016 - Leben in der Stadt“ enthält – von der Verlegung Wuppertals ins Ruhrgebiet einmal ganz abgesehen – offensichtlich falsche beziehungsweise überholte Daten: „Derzeit leben knapp 341000 Einwohner in der Stadt“, ist da beispielsweise zu lesen – tatsächlich sind es weit über 10 000 Wuppertaler mehr.

„Wir sind einigermaßen ratlos, dass ein seriöses Unternehmen wie die Postbank eine Studie mit derartigen methodischen und inhaltlichen Schwächen in die Welt setzt“, sagt Wuppertals Dezernent für Stadtentwicklung, Frank Meyer. Sein Team hat sich die Mühe gemacht, die Zahlen der Studie zu überprüfen (siehe Kasten rechts). Ergebnis: Die auf Wuppertal bezogenen Aussagen beruhen nach Einschätzung der Verwaltung zu einem Teil „auf Daten, die nicht nachvollziehbar oder zumindest zu undifferenziert sind“. Insbesondere gelte dies für Daten und Aussagen zu Bevölkerungszahl sowie zur Immobilienpreisentwicklung.

Kritik an überholtem Zahlenmaterial

Das bestätigt Sozialdezernent Stefan Kühn: „Zentrale Grundannahmen der Studie sind falsch.“ Gerade hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung widerspreche die Ausarbeitung allen Daten, die der Verwaltung vorliegen. Die Studie enthalte im Kern zwar insgesamt „eine Reihe von Beschreibungen, die richtig sind, aber genauso für andere Städte in vergleichbarer Situation stehen“, so Kühn.

„Das sind ja völlig veraltete Zahlen“, kritisiert auch Hermann Josef Richter, Vorsitzender von Haus und Grund Wuppertal und Umgebung. „So eine Studie schadet Wuppertal.“ Insbesondere die Ausführungen zum Immobilienmarkt ärgern Richter, denn in der Postbank-Mail ist zu lesen, dass Wuppertaler Wohneigentum „rund ein Viertel seines Wertes verloren“ habe. Immerhin werde prognostiziert, dass sich die Preise künftig „stabilisieren, da die Einkommen und damit auch die Nachfrage nach hochwertigen Wohnungsangeboten steigen“.

Analysiert worden sind laut Postbank die 30 größten deutschen Städte sowie sechs Städte, die jeweils die größten eines Bundeslandes sind und nicht zu den Top 30 gehören. Die Leitung hat Michael Bräuninger, Professor an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Die Studie wurde im März 2016 veröffentlicht – aktuell kam jetzt von der Postbank eine Aufbereitung für Wuppertal.

Die Stadtverwaltung hat die Studie unter anderem hinsichtlich der Einwohnerzahlen und der Immobilienpreisentwicklung überprüft und festgestellt, „dass die tatsächliche Einwohnerzahl fast 10 000 Einwohner mehr als in der Studie behauptet“ beträgt. Außerdem gehe die aktuellste IT.NRW-Bevölkerungsprognose von 2014 von einer stabilen Bevölkerungsentwicklung für Wuppertal aus. Die aktuelle Statistik der Stadt unter: http://bit.ly/2gFZdCa

 „Die Studie trifft die Aussage, dass Eigentumswohnungen in Wuppertal in den vergangenen 15 Jahren nahezu ein Viertel Ihres Wertes verloren haben. Tatsächlich lagen die Immobilienpreise für gebrauchte Eigentumswohnungen in 2000 höher als heute, ein Wertverlust in der benannten Höhe von 24 % kann aus den Daten des Gutachterauschusses für Grundstückswerte jedoch nicht bestätigt werden“, so die Stadt.

Dezernent Frank Meyer, würde sich wünschen, dass die Postbank auf die Kritik reagiert. Man werde sie in diesem Sinne kontaktieren, kündigte Meyer gestern an.

Kritik kommt auch von Jörg Heynkes, IHK-Vizepräsident und Geschäftsführer der Villa Media am Arrenberg: „Die hier vorliegende Studie basiert ganz offensichtlich auf deutlich veraltetem Datenmaterial. Die Einwohnerzahl stieg zuletzt genauso wie die Zahl der Arbeitsplätze und der vermieteten Wohnungen – selbstverständlich teilweise auch wegen der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind.“ Unabhängig davon erlebe Wuppertal einen Aufstieg, auch und vor allem bei der Wohnungswirtschaft.

Die Postbank verweist auf WZ-Nachfrage an Michael Bräuninger, Professor an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und Experte für Economic Trends Research, unter dessen Leitung die Studie erstellt wurde.

Bräuninger erklärte im WZ-Gespräch, dass den Untersuchungen Datenmaterial von 2015 zugrunde gelegt worden sei. Der Fehler mit der irrtümlichen Verortung Wuppertals ins Ruhrgebiet sei bedauerlich, zu den Zahlen an sich stehe er jedoch. Es sei bei der Studie um den Vergleich von 36 Städten gegangen, die man Anfang des Jahres analysiert habe, so Bräuninger. Die Bevölkerungsprognose komme vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), sie sei aus dem vorletzten Jahr, man habe sie entsprechend aufbereitet. „Doch sie unterscheidet sich zum Teil erheblich von den Prognosen in den jeweiligen Städten.“

Die Postbank habe aus der Studie von Anfang des Jahres Berichte für einzelne Städte erstellt, erklärt Bräuninger die aktuelle Mail-Aussendung. Viel groß der Verteiler ist, darüber machte die Postbank keine Angaben.

Die Studie setze vor allem auf Wirkung, kritisierten beim WZ-Rundruf Vertreter aus Verwaltung, Politik und Wirtschaft. „Man hat den Eindruck, dass mehr das Image Wuppertals im Vordergrund steht als die Fakten“, sagt Stefan Kühn. Was gar nicht zum Ausdruck komme, das seien die großen Potenziale der Stadt: nämlich unter anderem „ein attraktiver, relativ preiswerter Wohn- und Immobilienstandort, der in Bewegung ist. Die Studie bildet diese positive Dynamik nicht ab“.

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