Am Beispiel der Rathaus-Galerie in Wuppertal lassen sich die Probleme der Einkaufszentren in der Region aufzeigen. Dabei könnten Malls den Internetriesen durchaus die Stirn bieten - eine Analyse.

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1994 waren Einkaufszentren wie die Rathaus-Galerie die Zukunft, jetzt müssen sie aufpassen, nicht zur Vergangenheit zu werden. Archiv

1994 waren Einkaufszentren wie die Rathaus-Galerie die Zukunft, jetzt müssen sie aufpassen, nicht zur Vergangenheit zu werden. Archiv

A. Fischer

1994 waren Einkaufszentren wie die Rathaus-Galerie die Zukunft, jetzt müssen sie aufpassen, nicht zur Vergangenheit zu werden. Archiv

Wuppertal. Es fühlt sich so an als sei es gestern gewesen. Da fielen die Shoppingmalls in die Innenstädte ein und wurden zum Sündenbock für verwaiste Fußgängerzonen gemacht. Der Anspruch der Einkaufsriesen: Wir wissen, was der Kunde von morgen möchte. Inzwischen ist morgen und die Kunden sitzen auf den Massage-Sesseln der Einkaufszentren und bestellen mit dem Smartphone bei Amazon.

In Amerika ist das massive Sterben der Shoppingmalls bereits Realität, Deutschland hängt der Entwicklung etwas hinterher. Bei uns wird noch fleißig an neuen Einkaufspalästen geschraubt, während viele bestehende Malls bereits Umsatzrückgänge verzeichnen.

Ein aufmerksamer Besuch in der 1994 eröffneten Rathaus-Galerie genügt, um die Stärken – vor allem aber die Schwächen – eines lokalen Einkaufszentrums offensichtlich zu machen. Die Frage, die am Anfang steht: Warum sollte ich die Rathaus-Galerie besuchen? Das Smartphone liegt eine Armlänge entfernt auf dem Schreibtisch. Ich bin natürlich schon bei Amazon eingeloggt und kann wortwörtlich in der nächsten Minute meinen Einkauf tätigen.

Auf dem Weg zur Rathaus-Galerie kann einiges schief gehen. Nehmen wir an, ich reise mit dem Zug an, steige am Hauptbahnhof aus, mache mich auf den Weg in Richtung Willy-Brand-Platz – und komme nie an. Vielleicht, weil ich bereits bei den City-Arkaden einbiege, spätestens am Kaufhof. Es gibt einfach keine natürliche Wegebeziehung, die an der Galerie vorbeiführt. Mit dem Auto auf der B7 ist die Hinführung zur Rathaus-Galerie ebenfalls verbesserungswürdig.

Ich muss das Einkaufszentrum also gezielt ansteuern. Früher hat das vielleicht noch besser funktioniert. Ich wollte etwas vom Handel, das ich anders schwer bekommen habe. Inzwischen muss man es fast umdrehen: Der Handel will etwas von mir. Ich soll nicht mehr den einfachsten und günstigsten Weg gehen.

Dafür braucht es gute Argumente. Die Mall der Zukunft lockt also zwingend mit exklusiven Geschäften an, die Dinge vertreiben, die es so oder in dieser Form nicht im Netz gibt. Die Rathaus-Galerie hat „Toys’R’Us“ zu bieten. Dort gibt es zwar auch nichts, was das Internet nicht auch auf Lager hat. Trotzdem funktioniert das Geschäft als Ankermieter. Denn der Gang durch die bunten Reihen voller Spielzeug und Süßigkeiten ist für Kinder ein Erlebnis.

Erlebnis. Das ist das Stichwort. Das Einkaufen in Jogginghose auf dem Sofa ist zwar bequem und einfach – aber von einem Erlebnis weit entfernt. Hier kann die Mall sich abheben. Das fängt beim Essen an. Es darf auch etwas mehr sein als Bäcker und China-Imbiss. Wer sich ansprechende Gastronomie ins Haus holt, schafft einen neuen Anreiz. Genau so ein Konzept mit ausgedehnter Gastronomie-Erlebniswelt schwebt dem Centermanagement der Rathaus-Galerie für die Zukunft vor.

Doch vielleicht muss das Erlebnis sogar noch über die Pasta auf dem Teller hinausgehen. Ausstellungen, Bühnenprogramm, Spielbereiche – in Versatzstücken gibt es diese Elemente schon in den Malls. Es fehlt aber manchmal eine konsequente und ansprechende Umsetzung. Das Denken muss sich ändern: Die Erlebnis-Elemente sind kein Beiwerk mehr, mit ihnen steht und fällt die Mall.

Dass der Einzelhandel vor allem mit Beratung und Service punkten kann, ist zu einer Binsenweisheit geworden. Nur ziehen viele Geschäfte nicht die nötigen Konsequenzen. Gerade bei großen Ketten, sei es aus dem Spielzeug- oder dem Elektronikbereich, ist die Zahl der ansprechbaren Mitarbeiter erschreckend gering. Nicht selten können diese nicht helfen oder geben den Kunden das Gefühl, dass sie von der eigentlichen Arbeit abhalten. Der Fehler liegt nicht bei den Angestellten, sondern am Konzept. Eigentlich müssten die Läden in den Malls kleine Servicecenter sein, in denen der Kunde, ähnlich wie im Reisebüro, zum persönlichen Beratungsgespräch eingeladen wird.

Am besten bei einer Tasse Kaffee. Gerade im Technik-Bereich, wo viele Kunden ohne externe Hilfe verloren sind, kann der Kontakt mit einem geschulten Menschen ein riesiges Verkaufsargument sein. Lieber im Laden sofort das richtige Kabel kaufen als im Netz zwei falsche bestellen. Ganz davon abgesehen, dass das ewige Hin- und Zurückschicken ein ökologischer Wahnsinn ist.

Das Einkaufszentrum ist sicherlich nicht am Ende, aber es darf den Wandel nicht verschlafen. Ein Wandel, der einschneidend sein wird. Er kostet die Betreiber der Malls Geld, weil sie sich baulich und konzeptionell verändern müssen und er kostet die Händler Geld, weil sie ihr Personal idealerweise erweitern und schulen müssen. Dafür ist dann deutlich weniger Laden- und Lagerfläche vonnöten.

Die Wuppertaler dürfen gespannt sein, ob die Rathaus-Galerie eine gelungene Transformation vorlebt. Es wäre wünschenswert, denn der einstige Schrecken des lokalen Einzelhandels, die Mall, sitzt längst im gleichen Boot gegen einen viel größeren Konkurrenten.

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