Am Mirker Bahnhof soll eine neue Montagehalle für die Fahrradschrauber und ein Labor mit Lasercutter und 3D-Drucker entstehen.

Sozialarbeiterin Aneta Krüger packt mit an, damit sich Utopiastadt auch auf den alten Gepäckabfertigungssaal ausweiten kann.
Sozialarbeiterin Aneta Krüger packt mit an, damit sich Utopiastadt auch auf den alten Gepäckabfertigungssaal ausweiten kann.

Sozialarbeiterin Aneta Krüger packt mit an, damit sich Utopiastadt auch auf den alten Gepäckabfertigungssaal ausweiten kann.

Anna Schwartz

Sozialarbeiterin Aneta Krüger packt mit an, damit sich Utopiastadt auch auf den alten Gepäckabfertigungssaal ausweiten kann.

Mirke. Aneta Krüger, im Zivilberuf Sozialarbeiterin, packt mit derben Arbeitshandschuhen kräftig zu, schleppt Bretter und wuchtet sie mit Schwung in einen riesigen Container. „Gleich schleife ich Fensterrahmen ab“, verrät die junge Dame, die zu der handfesten Truppe gehört, die sich am Samstag unter der Anleitung und Mithilfe von Ralf Glörfeld (Utopiastadt) und Cedric Kleinjung (/dev/tal) anschickte, die reichlich marode wirkende ehemalige Gepäckabfertigung des Mirker Bahnhofs Zug um Zug zu sanieren.

„Ich mache hier alles, was so anfällt, auch wenn ich es noch nie im Leben gemacht habe. Kann man schließlich auch sonst mal gebrauchen“, so Aneta Krüger, während ihre Mitstreiterin Ulrike Mös – ebenfalls im sozialen Bereich tätig – fachgerecht Fensterflügel aushängt. Zunächst haben sich die tatkräftigen Frauen und Männer den Westflügel des ramponierten roten Ziegelbaus vorgenommen.

Bis zum Feinschliff wird noch etwas Zeit vergehen

„Der erste Schritt war vor ein paar Wochen, als wir das Gebäude entrümpelt haben“, berichtet Cedric Kleinjung. „Nur Müll, zu nichts mehr zu gebrauchen. Im Keller waren noch verschimmelte Matratzen. Auf denen haben wohl früher mal Obdachlose geschlafen.“ Von Feinschliff kann jetzt natürlich noch nicht die Rede sein. Im Keller hängen Dämmstoffe mühsam gebändigt von silberner Folie herab, in den unbeleuchteten Räumen muss man sich vorwiegend auf seinen Tastsinn verlassen, weil die ehemals verglasten Fenster jetzt mit Spanholz verschalt sind. Cedric lässt seiner Fantasie freien Lauf. „Hier im Gepäckabfertigungssaal planen wir für die Fahrradschrauber eine Montagehalle als offene Werkstatt, die aber auch mal Gästen zur Verfügung gestellt werden kann. Ein anderer Teil ist als ,Fabricationlabor’ gedacht und als Camlabor mit Laser-Cutter, 3D-Drucker und Plotter“, berichtet der Programmierer und Computer-Freak und beleuchtet die kahlen Wände mit seinem eingeschalteten Handy. Sein Blick geht nach oben: „Hier könnte man noch eine Decke einziehen und hätte dann ein weiteres Stockwerk.“

Ralf Glörfeld weist auf das Dach. „Das müsste zum Teil noch mal neu gedeckt werden.“ Arbeit, mit der die „Utopisten“ und „devtaler“ wohl eine Spezialfirma betrauen müssen. „Aber ansonsten sind die Fähigkeiten unter den 170 Mitgliedern des Fördervereins Utopiastadt, den 150 Utopisten und den 65 von /dev/tal so breit gefächert, dass wir fast alles selbst machen können.“

Wertvoller Helfer ist da Tischler Jürgen Jansen, der am Samstag seinen Geburtstag in „Dreck und Speck“ in dem alten Gemäuer feierte. Er hat vorsorglich eine Sackkarre mitgebracht und beaufsichtigte alles, was mit Holz zu tun hatte. Was ihn aber auch nicht daran hinderte, mächtig zuzugreifen, als ein Rangierverteiler aus alten Tagen durch ein offenes Fenster bugsiert werden sollte.

Eigentümer der Gebäude der ehemaligen Gepäckabfertigung ist der Immobilienentwickler Aurelis. Ein Pachtvertrag zwischen der ehemaligen Bahntochter und Utopiastadt, die sich bereits um das Bahnhofsgebäude kümmert, ist in Arbeit. Außerdem laufen Gespräche über das Grundstück rund um den Bahnhof Mirke und die Flächen auf der gegenüberliegenden Seite der Trasse, insgesamt gut 60 000 Quadratmeter. Eigentümer ist ebenfalls Aurelis.

Utopiastadt plant dort einen „Utopiastadt-Campus“. Eine Fläche für Kultur, Kunst, Soziales, Wirtschaft und Wissenschaft. „Alles ist denkbar, vom Kulturkindergarten bis zu Gemeinschaftsstudios“, hatte David J. Becher vom Förderverein noch im Dezember erklärt, als die Utopisten offiziell die Schlüssel für den Bahnhof erhalten hatten. est

„Könnten wir einem Museum zur Verfügung stellen“, mutmaßte Ralf Glörfeld und hatte auch schon Pläne für einen anderen Raum im voluminösen Gebäude. „Das soll mal eine Küchenzeile werden, und da vorn kommt ein Aufenthaltsraum hin“, ist seine Vorstellung. Erste Vorzeichen: ein Tisch mit Brötchen und Getränken für die hilfreichen Kräfte.

Wände streichen, Leitungen legen, Fenster neu einbauen, Mauerwerk ausbessern. Nach dem Motto „Es gibt viel zu tun, packen wir‘s an“ wartet noch jede Menge Arbeit auf das Aktionsbündnis Utopiastadt/ devtal, das im Sommer möglichst schon größere Erfolge seiner Arbeit vorzeigen will. Und dass rund um den Mirker Bahnhof auch unmöglich Scheinendes zu schaffen ist, wird der wackeren Truppe ja bei einem Blick auf die vor Jahren noch völlig zugewachsene und zu neuem Leben erweckte Nordbahntrasse eindrucksvoll vor Augen geführt.

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