Wuppertal. Sind wir Wuppertaler nicht alle Utopisten und notorische Tiefstapler? Wir bauen Schwebebahnen, planen als Flachland-Tiroler Seilbahnen, legen für drei Jahre unsere Hauptverkehrsstraße lahm – und hängen das doch nicht an die große Glocke. Wuppertal hat es auch 2016 geschafft, die große unbekannte Stadt im Herzen Deutschlands zu bleiben. Manchmal ist es ja auch ganz gut, wenn man sich aus den dicken Schlagzeilen raushält. Kein „Wupida“, dafür aber eine vorbildliche Flüchtlingsarbeit, die ohne städtische Massenunterkünfte klarkommt, und viel bürgerliches Engagement.

Gewinner des Jahres ist neben dem Zoo, der den kleinen Dickhäuter Tuffi präsentieren durfte, die Schwebebahn. Für noch mehr Aufmerksamkeit als bei der ersten regulären Fahrt vor einigen Tagen sorgte sie im Frühjahr, als der erste Wagen aus Spanien angeliefert wurde. Der Andrang bei der Jungfernfahrt am 18. Dezember an der Station Kluse fiel bescheidener aus. Man könnte auch von einer verpassten Gelegenheit sprechen, ein richtig großes Fest zu feiern. So wie schon einmal am 19. Dezember vor zwei Jahren, als die einzigartige Nordbahntrasse bei Schnee und Eisregen eingeweiht wurde. Auch das hätten andere Städte sicherlich mit weniger Tiefstapelei und volleren Kassen besser hingekriegt.

Dabei sind der Bau der Trasse und die Modernisierung der Schwebebahn Jahrhundertprojekte, die den Charakter der Stadt prägen. Mit der Modernisierung ihrer Schwebebahn haben die Wuppertaler einen Anker in stürmischen Zeiten geworfen. Die Schwebebahn hat ihren Ursprung im Zeitalter der Dampfmaschinen des 19. Jahrhunderts, sie ist Sinnbild der wachsenden Mobilität des 20. Jahrhunderts und sie steht für die Utopien des 21. Jahrhunderts, in dem sich gerade die Städte und Metropolen neu orientieren müssen. Sie ist zeitlos – und sie ist zeitlos schön.

In Zeiten, in denen nahezu alles auf dem Prüfstand steht und die konservativsten Kräfte den radikalsten Wandel unserer Gesellschaft fordern, ist die Schwebebahn ein Beispiel dafür, wie die Transformation einer Stadt gelingen kann.

Die damalige Entscheidung der Stadtwerke, die Schwebebahn komplett neu aufzubauen und nicht als Museumsbahn zu konservieren, hat sich als richtig erwiesen. Das Projekt wird mit den neuen Bahnen abgeschlossen. Ähnlich mutig muss sich die Stadt weiterhin wandeln. Wuppertal ist kein Museum, das nur für Einheimische geöffnet ist und Menschen, die eine neue Heimat suchen, die kalte Schulter zeigt

2017 steht das Seilbahn-Projekt auf dem Prüfstand. Eine Utopie. Nicht jede Utopie hält der Prüfung in der Wirklichkeit stand, doch dass sich die Stadt mit einer solchen Idee ernsthaft auseinandersetzt, beweist, dass sie die Kraft für Utopien noch nicht verloren hat.

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