Die Kündigung kam ins Krankenhaus. Das Heim sah angeblich keinen anderen Ausweg. Die Familie ist empört.

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Marlies Seute (77) – hier mit Tochter Elke Franz – lebt jetzt an der Neviandtstraße.

Marlies Seute (77) – hier mit Tochter Elke Franz – lebt jetzt an der Neviandtstraße.

Andreas Fischer

Marlies Seute (77) – hier mit Tochter Elke Franz – lebt jetzt an der Neviandtstraße.

Wuppertal. Der Grad zwischen adäquater Pflege und menschlich-moralisch korrektem Verhalten in der Altenpflege ist oft schmal - und zwar für alle Betroffenen. Dies zeigt die Geschichte von Marlies Seute. 2004 zog die heute 77-jährige Wuppertalerin mit einem Gewicht von rund 109 Kilo in das Altenheim Feuchter-Stiftung ein. Am 3.Dezember 2008 wurde ihr Vertrag mit sofortiger Wirkung von der Heimleitung gekündigt. Zu diesem Zeitpunkt lag Marlies Seute im Krankenhaus. Die Begründung der Kündigung: Der Gesundheitszustand und damit der Pflegebedarf habe sich derart verändert, dass eine fachgerechte Pflege und Betreuung in der Einrichtung nicht mehr möglich sei. In der Zwischenzeit hatte die Dame zugenommen, sie wog mittlerweile weit über 120 Kilo.

Keine Diagnose trotz Krankenhausaufenthalt

Zwischen Einzug ins Heim und der Kündigung ist einiges passiert: Es gab mehrere Gespräche, in denen die Heimleitung daraufhinwies, dass Marlies Seute dringend eine Diät machen müsse. Unter anderem durch die Gewichtszunahme war die alte Dame, die geistig noch vollkommen fit ist, zunehmend immobil geworden. Sie saß im Rollstuhl, konnte später immer schlechter aufstehen.

Anfang 2008 bekam die Bewohnerin einen neuen Speiseplan, doch die 77-Jährige nahm weiter zu. "Es gab nie eine Kontrolle. Meine Mutter hat ihre Kalorien immer selbst gezählt", sagt Elke Franz, Marlies Seutes Tochter. Im November 2008 gab es dann wieder ein Gespräch mit der Heimleitung: "Uns wurde mitgeteilt, dass die Hilfsmittel der Feuchter-Stiftung nicht ausreichen, um meine Mutter zu pflegen. Ein breites Bett, ein anderer Toilettenstuhl sowie eine Hebevorrichtung seien nötig", erinnert sich Franz. Die Familie habe sich bereit erklärt, falls nötig für zusätzliche Anschaffungen aufzukommen.

Nach Absprache mit Familie und Heim kam Seute dann Ende November ins Helios-Klinikum. Dort sollte ausgeschlossen werden, dass die Gewichtszunahme medizinische Ursachen hat. Eine anschließende Reha war das Ziel. Doch die Ärzte konnten nichts feststellen. Bis auf ihre Lymphödeme und Wasserablagerungen war Marlies Seute gesund, die Reha wurde nicht bewilligt.

Der Konflikt nahm seinen Lauf: Anfang Dezember überreichte die Leitung der Feuchter-Stiftung der 77-Jährigen noch am Krankenbett das Kündigungsschreiben. Gleichzeitig hatte Horst Bürgener, Leiter der Feuchter-Stiftung, ihr einen Platz im Städtischen Altenpflegeheim Neviandtstraße besorgt. Dieser Schritt war am Vorabend telefonisch angekündigt worden.

Im Heim an der Neviandtstraße werden unter anderem auch Schwerstpflegebedürftige gepflegt. Dort sind laut Leitung zum Beispiel Massagen und Ergo-Therapie möglich.

Indem ein alternativer Heimplatz angeboten wurde, sei die Feuchter-Stiftung ihrer Fürsorgepflicht nachgekommen, so die Pflegeberatung. Formal sei das Vorgehen korrekt gelaufen. Besondere Hilfsmittel könnten die Heime nur mit den Kassen abrechnen, wenn das Übergewicht krankheitsbedingt sei. Weitere Infos bei der Pflegeberatung unter Ruf 252 20 87.

"So kann man alte Menschen nicht behandeln. Das war knallhart, meine Mutter von heute auf morgen vor die Tür zu setzen", empört sich Franz. "Uns wurde keine Chance gelassen, in Ruhe eine Alternative zu suchen. Es wurde über unseren Kopf entschieden."

"Menschlich und emotional war das ein schwerer Schritt"

"Menschlich und emotional war das für alle ein schwerer Schritt", gibt Heimleiter Bürgener zu. "Aber für uns war das die letzte Konsequenz, wir konnten eine sichere Pflege nicht mehr gewährleisten." Zu groß sei das Risiko gesundheitlicher Schäden wie zum Beispiel von Stürzen und Wundliegen (Dekubitus) gewesen. Die Feuchter-Stiftung habe im Gegensatz zur Neviandtstraße keinen pflegefachlichen Schwerpunkt, sondern sei auf die ortsnahe Versorgung im Stadtteil spezialisiert. So stünden zum Beispiel nur Aufstehhilfen zur Verfügung, bei denen die Bewohner noch eine gewisse Standsicherheit haben müssen. "Wenn etwas passiert wäre, hätte uns der Medizinische Dienst in der Luft zerrissen. Als Pflegeheim ist man täglich mit der Haftungsproblematik konfrontiert", sagt Bürgener.

Warum die Kündigung noch am Krankenbett ausgesprochen wurde? "Nach juristischer Beratung mussten wir innerhalb von zwei Tagen diesen konsequenten, wenn auch harten Schritt gehen", so Bürgener. Eine Rückverlegung wäre unlogisch gewesen.

Marlies Seute lebt seit vier Wochen an der Neviandtstraße und wird dort regelmäßig therapiert. "Wir sehen erste Erfolge", sagt Elke Franz.

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