Der Trend zu Tempo-30-Zonen oder gar ganzen Tempo-30-Städten kann unschöne Nebeneffekte haben. Verkehrsexperte Gernot Sieg erzählt von einem Wuppertal ohne Hauptstraßen.

In den orangefarbenen Zonen gilt schon heute Tempo 30.
In den orangefarbenen Zonen gilt schon heute Tempo 30.

In den orangefarbenen Zonen gilt schon heute Tempo 30.

In den orangefarbenen Zonen gilt schon heute Tempo 30.

Wuppertal. Tempo 30 ist auf dem Vormarsch. In Wuppertal gibt es im Innenstadtgebiet, wie unsere Grafik zeigt, nur wenige weiße Flecken auf denen Autofahrer noch schneller fahren dürfen. Nach einer Gesetzesänderung ist es nun noch leichter, auch auf Hauptverkehrsstraßen das Tempo zu drosseln. Bislang war das nur an Unfallschwerpunkten möglich, nun reicht auch ein abstraktes Risiko, das etwa von Schulen oder Seniorenheimen in der Nähe ausgehen kann. Verkehrsdezernent Frank Meyer sagte der WZ, dass die Stadt gerade aktuell eine Ausweitung der Tempo-30-Limits prüft, um entsprechende Vorschläge demnächst der Politik vorlegen zu können.

Mehr Tempo 30, weniger Unfalltote und am Ende sogar weniger Staus? Diese Rechnung machen Tempo-30-Befürworter gerne auf. Die WZ wollte von Professor Gernot Sieg, Verkehrsexperte der Uni Münster, wissen, wie sich die tägliche Fahrt mit dem Auto verändern würde, wenn Tempo 30 flächendeckend in Kraft treten würde.

Weniger Stress, aber längere Wege

Wer morgens zur Arbeit fährt, hat womöglich weniger Stress im Straßenverkehr – sollte seinen Wecker jedoch auch ein paar Minuten früher stellen. „Der Verkehrsfluss wird homogener“, sagt Gernot Sieg. Es gibt weniger Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Verkehrsteilnehmern. Das bedeutet allerdings nicht, dass es im Berufsverkehr flotter vorangeht. „Die Durchschnittsgeschwindigkeit würde noch weiter sinken“, sagt Professor Sieg. Dabei ist bereits bekannt, dass in Innenstadtgebieten die Autos im rechnerischen Durchschnitt mit weniger als 30 km/h durch die Straßen kriechen. Und: „An den Staus würde sich nichts ändern, die entstehen allein aus der Überlastung der Straßen.“ Wohl aber müssten alle Ampelphasen ans neue Tempo der Stadt angepasst werden.

Nach ein paar Tagen der Entschleunigung würden sich, so sagt Sieg voraus, die Verkehrsströme verlagern. Von den Hauptstraßen in die Nebenstraßen und Wohngebiete – denn plötzlich sind die ehemaligen Hauptverkehrsadern nicht mehr der schnellste Weg von A nach B. „Es würden mehr Schleichwege gefahren“, sagt der Experte.

Inoffizielle Durchgangsstraßen als Nervenprobe

Das hätte Auswirkungen auf den Lärm in den Wohngebieten. In den neuen inoffiziellen Durchgangsstraßen werden die Nerven der Anwohner mehr belastet, an den Hauptverkehrsstraßen hingegen entlastet. Allerdings relativiert Professor Sieg diesen Effekt: „Es würde zu einer messbaren Abnahme des Lärms kommen – jedoch keiner hörbaren.“ Subjektiv seien gleichmäßige Motorengeräusche aber angenehmer.

Die meisten Unfälle passieren in Wuppertal beim Abbiegen oder Wenden. Überhöhte Geschwindigkeit steht auf Platz fünf der häufigsten Unfallursachen. Öfter wird die Vorfahrt missachtet (Platz 2), Fußgänger machen einen Fehler (3) oder Alkohol und Drogen sind ein Faktor (4).

 2015 gab es im Stadtgebiet 87 Unfälle wegen überhöhter Geschwindigkeit. 2016 waren es 154. Im ersten Quartal 2017 bislang 19.

Viele Autofahrer würden sicherlich auf die Idee kommen, auf den ÖPNV umzusteigen. Jedoch, daran erinnert Sieg: Auch der Bus bräuchte länger auf seinem Weg durch die Stadt. „Sicherlich müssten alle Fahrpläne angepasst werden.“

„Ob dadurch die Unfallzahlen sinken, ist völlig unklar.“

Anja Meis, Wuppertaler Polizei

Die Fahrt durch die Stadt wird bei Tempo 30 sicherer. Bei bestimmten Unfälle. Fahren Autos ungebremst Fußgänger oder Radfahrer an, entscheidet die Geschwindigkeit über Leben und Tod. Gernot Sieg weiß: „Bei einer Geschwindigkeit von mehr als 30 Stundenkilometern sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit für die schwächeren Verkehrsteilnehmer rapide.“

Andere Zusammenstöße passieren gar nicht erst. Die Wuppertaler Polizeisprecherin Anja Meis erklärt, wie sich der Tachostand bei einer Notbremsung auswirkt: „Während das Auto bei 30 km/h bereits steht, fängt der Fahrer bei 50 km/h durch die Reaktionszeit erst an zu bremsen.“

Keine Straßen ohne Unfälle

Trotzdem: Unfallfreie Straßen verspricht sich die Polizei in einer angenommenen Tempo-30-Stadt nicht. Meis sagt: „Ob dadurch die Unfallzahlen wirklich sinken, ist völlig unklar, weil immer viele Faktoren eine Rolle spielen.“

Vor allem gibt es noch einen Fehler im Gedankenspiel: Tempolimit 30 bedeutet nicht, dass sich alle Fahrer daran halten. Experte Gernot Sieg glaubt, dass gerade auf Hauptverkehrsstraßen das bloße Aufstellen von Schildern nicht ausreicht. „Wichtig sind bauliche Veränderungen. Etwa kurvigere Strecken, die Rasen für die Fahrer unangenehm machen.“ Tempo 30 flächendeckend – das wäre eine echte Hausaufgabe für die Verwaltung.

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