Herbert Cohnen überlebte als Halbjude die NS-Diktatur. Am Sonntag feierte er seinen 93. Geburtstag.

Elberfeld. Schlimme Zeiten hat Herbert Cohnen erlebt. Doch der „Halbjude“ überlebte die Nazi-Diktatur und feierte am Sonntag seinen 93. Geburtstag. Die Begegnungsstätte Alte Synagoge ehrte den eloquenten Zeitzeugen mit einem Geburtstagskaffee. Denn Cohnen erzählt nicht nur in Schulen über seine Erlebnisse, sondern stellte der Gedenkstätte auch persönliche Dokumente zur Verfügung. „Nach dem Krieg habe ich so oft gehört: ,Davon habe ich nichts gewusst’ - das ist eine glatte Lüge“, ärgert sich Cohnen.

Offen sei er mit anderen Juden schwer bewacht quer durch Wuppertal zum Bahnhof gebracht worden. Gruppen von Menschen hätten zugesehen, wie seine Leidensgenossen drangsaliert wurden. Nur seine Kindheit in Wuppertal, die sei unbeschwert und schön gewesen, erinnert sich Cohnen. Doch 1937 bekam der damals 14-Jährige nach einer Radreise Kinderlähmung. Monatelang lag er im Krankenhaus. Währenddessen begannen erste Repressalien gegen Juden. Anfangs schützte die evangelische Ehefrau den jüdischen Vater, der in Elberfeld einen Zigarrenladen betrieb. Doch dann musste der Vater das Geschäft aufgeben und die Familie in ein „Judenhaus“ umziehen. Aufgrund der Kinderlähmung konnte sich Herbert Cohnen nur noch auf Krücken fortbewegen.

In Bigge begann er bei der katholischen Josefs-Gesellschaft eine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker. „Die haben mich dort ins größte Haus geschickt und wollten mich dort im positiven Sinne verschwinden lassen“, ist er heute dankbar. Trotzdem entdeckte ihn die Gestapo nach knapp zwei Jahren und schickte ihn nach Wuppertal in einen Rüstungsbetrieb. 60 Stunden pro Woche musste der Jugendliche dort arbeiten, später sogar in anstrengenden Nachtschichten. Regelmäßig kam die Gestapo zur Kontrolle nach Hause. „Da fehlte dann anschließend immer etwas, besonders Handtücher“, erzählt Cohnen. 1944 jedoch wurden auch die letzten „Halbjuden“ abtransportiert. In mehrtägiger Reise gelangte Cohnen mit seinem Bruder nach Berlin. „Wir wurden mit einem Möbelwagen ins Jüdische Krankenhaus gebracht, damit die Berliner nicht merken, dass da ein Transport unterwegs ist“, sagt Cohnen. Nur knapp überlebten die Brüder und wurden schließlich von den Russen befreit. Einige Tage später tauchte auch ihr in Auschwitz schwer misshandelter Vater in Berlin auf.

Nach dem Krieg machte Cohnen beim Sanitätshaus Werner seine Ausbildung fertig und arbeitete dann als Orthopädiemechaniker. „Ich habe nicht nach rechts und links geguckt“, sagt er. So schnell wie möglich machte er seinen Meister. Gleichzeitig engagierte er sich in der ab 1949 wieder aufgebauten jüdischen Gemeinde. „Vorher gab es in Wuppertal 3000 Juden - danach waren wir inklusive Solingen, Mettmann und Remscheid 69“, erinnert sich Cohnen.

Zwölf Jahre lang bestimmte er als Geschäftsführer die Geschicke der Jüdischen Gemeinde. Im Chor des VdK lernte er seine spätere Frau kennen und bekam bald einen Sohn. Und Cohnen sang mehr als 50 Jahre lang im Männergesangverein. So blickt er trotz der Leiden auf ein erfülltes Leben zurück.

Herbert Cohnen hat der Begegnungsstätte Alte Synagoge an der Genügsamkeitstraße mehr als 80 persönliche Dokumente zur Verfügung gestellt – neben alten Fotos sind das Impfpässe, Bescheide über die Judenvermögensabgabe, private und offizielle Briefe sowie Zeugnisse.

Ulrike Schrader hat daraus eine Mappe mit 40 Dokumenten für den Schulunterricht zusammengestellt. In einem schön gestalteten Heft beschreibt sie die Lebensgeschichte von Cohnen und stellt Fragen, deren Antwort die Schüler in der Begegnungsstätte oder mit dem Material recherchieren können.

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